Straßenrennen : Das zweite Leben der Trixi Worrack

Nach einem Sturz verlor sie im März eine Niere, alles schien vorbei. Nun ist die Cottbuserin im Straßenrennen in Rio dabei.

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Volle Fahrt voraus. Nach dem Unfall „war ich einfach froh, dass ich noch am Leben bin“, sagte die 34-Jährige. Dann ging die Genesung schneller als gedacht.
Volle Fahrt voraus. Nach dem Unfall „war ich einfach froh, dass ich noch am Leben bin“, sagte die 34-Jährige. Dann ging die...Foto: picture alliance / dpa

An den Moment, als ihre erste Karriere als Radfahrerin endete, hat Beatrix, genannt Trixi Worrack, nur schemenhafte Erinnerungen. Sie war aus der Narkose erwacht, verschwommen sah sie die Sportliche Leiterin ihres Teams, die die ganze Zeit bei ihr im Krankenhaus geblieben war. „Ich war so halb wach, noch benommen“, sagt Worrack heute. „Sie hat mir erklärt, dass mir eine Niere entfernt werden musste. Das war ein Schock.“

Vier Monate später steht Trixi Worrack wieder am Start. Obwohl die gebürtige Cottbuserin nur noch eine Niere hat, wird sie beim Straßenrennen am Sonntag in Rio (17.15 Uhr/ZDF) mitfahren. Auch in ihrer Spezialdisziplin Zeitfahren ist die viermalige Team-Weltmeisterin dabei. In der Radsportwelt spricht man von einem kleinen Wunder. Die 34-Jährige sieht es etwas pragmatischer: „Die ganze Schinderei in der Reha hat sich gelohnt.“

Das Drama begann am 20. März dieses Jahres. Worrack war bei der Trofeo Alfredo Binda unterwegs, einem Eintagesrennen in Norditalien. Am Ende einer Abfahrt stürzte sie in einer Linkskurve über eine andere Fahrerin, die in die Absperrung geknallt war. „Der Sturz an sich war gar nicht so schlimm, ich habe schon schlimmere erlebt“, sagt Worrack. Sie wollte sofort weiterfahren, wie nach früheren Stürzen, doch es ging nicht. Sie hatte unerträgliche Schmerzen in der linken Hüfte und konnte sich nicht mehr bewegen. „Und wenn ich nicht mehr aufs Rad kann, dann weiß ich schon: Das ist was Schlimmeres.“ Wie schlimm, das erfuhr sie im Krankenhaus. Worracks linke Niere war dreifach gerissen, sie schwebte in Lebensgefahr. „Mein ganzer Bauchraum war voller Blut. Ich wäre fast innerlich verblutet.“

Als sie nach der Notoperation wieder erwachte, war nichts mehr wie früher. „Ich war erst mal froh, überhaupt noch am Leben zu sein“, sagt Worrack. „Dann ging mir vieles durch den Kopf. Vor allem: Wie geht es jetzt weiter?“ Sie musste sich mit dem Gedanken arrangieren, nie wieder Radfahren zu können. „Die erste Zeit im Krankenhaus ging es mir richtig schlecht.“ Doch ihre Heilung verlief erstaunlich gut, „die Ärzte waren begeistert über meine Fortschritte“. Zu Hause im Kreise ihrer Familie verarbeitete die Frau aus dem Spreewald den Unfall mental. „Für mich war in den ersten Wochen das Hauptziel, dass ich mein normales Leben wie vorher ohne große Einschränkungen leben kann.“ Als das geschafft war, rückte ein Ziel in Worracks Blick, das eigentlich unerreichbar schien: Rio.

Worrack begann mit dem Training, alle zwei Wochen wurden Bluttests durchgeführt. „Wir mussten schauen, wie die verbliebene Niere reagiert. Dann haben wir Schritt für Schritt die Belastung erhöht.“ Bei den Deutschen Meisterschaften in Thüringen feierte sie Ende Juni eine triumphale Rückkehr. Sie gewann das Einzelzeitfahren, gerade einmal drei Monate nach ihrem Unfall. „Ich bin schon öfter Deutsche Meisterin gewesen, aber dieser Titel war einer meiner schönsten überhaupt“, sagt sie. „Es hat sich angefühlt, als wäre es mein erster gewesen. Dadurch habe ich noch mal gezeigt, dass ich wirklich nach Rio gehöre.“

"Was an Ergebnissen rauskommt, ist nebensächlich"

Tatsächlich wurde Worrack trotz ihres Handicaps nominiert. Dass sie bei Olympia kaum Medaillenchancen hat, stört sie nicht. „Was in Rio an Ergebnissen für mich rauskommt oder nicht, ist echt nebensächlich“, sagt sie. „Meine Erwartungen von Anfang des Jahres bis jetzt haben sich doch sehr verschoben.“ Sie ist froh, überhaupt dabei zu sein und will diese Spiele mehr genießen als frühere und sich auch mal andere Sportarten ansehen. Die früher so ehrgeizige Siegfahrerin Worrack fügt sich beim Straßenrennen in die Rolle der Wasserträgerin. „Ich komme nicht hierher und sage: Wir fahren für mich. Ich will eine Hilfe fürs Team sein, damit wir jemanden ins Ergebnis kriegen.“ Der bergige Kurs über gut 130 Kilometer sollte der 50 Kilogramm leichten Worrack eigentlich liegen, doch im Zweifel wird sie für die Bergspezialistin Claudia Lichtenberg fahren. Auch im Zeitfahren wird Worrack kaum ihren neunten Platz von London 2012 verbessern können. „Wenn ich da eine gute Leistung zeige, dann reicht mir das.“

In ihrem zweiten Leben als Radfahrerin hat Worrack durchaus noch mit Startschwierigkeiten zu kämpfen. Beim Giro d’Italia und bei der Thüringen-Rundfahrt hat sie zwar bewiesen, dass sie auch größere Touren noch bewältigen kann. Doch mehr als mitrollen war nicht drin.

Mit nur einer Niere muss sie mehr auf ihren Körper Rücksicht nehmen. Er braucht mehr und längere Ruhephasen, pro Woche steigt Worrack deshalb nur noch an vier statt an fünf Tagen aufs Rad. Auf Rundfahrten gönnt sie sich zwischendrin Bummeletappen, um sich nicht zu viel zuzumuten.

Auf den Tagesabschnitten selbst sind die neuen Grenzen ihres Körpers aber gar nicht so leicht einzuschätzen. „Wenn ich da am Anstieg kaputt bin, denke ich sofort: Ich muss rausnehmen. Aber das muss ja nichts mit der Niere zu tun haben, das war ja früher auch schon so.“ Da müsse sie einen guten Mittelweg finden und „nicht immer gleich Panik schieben, wenn ich schwere Beine habe“. Aber auch bergab holen sie die Nachwirkungen des Sturzes bisweilen noch ein. Auf den Abfahrten fährt sie im Zweifel eher noch vorsichtiger als früher. „Sicherlich gibt es jetzt immer eine kleine Angst im Hinterkopf“, sagt Worrack. „Die muss ich irgendwie ausschalten.“ Gar nicht so leicht, weil die Schmerzen in der linken Hüfte sie ständig daran erinnern. „Da ist eine große Narbe und eine große Beule“, sagt sie.

Trixi Worracks Ziel ist es, auch in ihrem zweiten Leben als Radsportlerin noch einmal große Rennen zu gewinnen. Der Vertrag bei ihrem Team läuft noch ein Jahr, aber niemand weiß, ob sie an ihre früheren Leistungen anknüpfen können wird. Ihren persönlichen Olympiasieg hat sie ohnehin schon errungen. Sie kann wieder fahren.

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