Sport : Streit unter Schwimmern

Bundestrainer Thiesmann darf nicht mit zu Olympia

Frank Bachner

Berlin - Rafed el-Masri deckte den Tisch. Die anderen putzten Gemüse oder standen am Grill. „Es war sehr nett“, sagt el-Masri, der Deutsche Meister über 50 Meter Freistil. So sollte es sein, zwei Tage lang traf sich die Schwimm-Nationalmannschaft Anfang der Woche in Potsdam. „Eine teambildende Maßnahme“, nannte Cheftrainer Örjan Madsen das für alle, die sich für Olympia qualifiziert haben.

Kurz zuvor hatte er das Kontrastprogramm zu Potsdam vollzogen. Von Teambildung keine Spur, dafür drohen dem Olympiakader jetzt atmosphärische Störungen. Örjan Madsen will Bundestrainer Manfred Thiesmann nicht mit nach Peking nehmen. Ausgerechnet Thiesmann, der seit 28 Jahren Bundestrainer ist, am 1. September in Ruhestand tritt und für den Peking die Abschiedsvorstellung sein soll. Eine offizielle Begründung von Madsen ist nicht bekannt, er war gestern nicht für eine Stellungnahme erreichbar. Gegenüber der Deutschen Presseagentur sagte er nur: „Ich werde das nicht kommentieren.“

Wortkarg blieb Madsen angeblich auch gegenüber Thiesmann. Der Bundestrainer sagte dem Tagesspiegel: „Mir hat er nur erklärt, dass ich störe.“ Detaillierter habe sich der Norweger nicht geäußert. Dass er nicht in Peking dabei ist, das habe er, Thiesmann, zehn Minuten nach dem letzten Rennen der deutschen Meisterschaft in Berlin erfahren. Da habe Madsen in Anwesenheit aller betroffenen Sportler jene Trainer aufgelistet, die ihn nach Peking begleiten sollen. Thiesmanns Name fehlte. Am nächsten Tag, in kleiner Runde, sprach der Bundestrainer seinen Chef an. Da habe er dann erfahren, dass er angeblich störe.

Thiesmann hat jetzt einen Rechtsanwalt eingeschaltet. „Es geht hier nicht um das Nominierungsrecht des Cheftrainers, es geht um arbeitsrechtliche Dinge“, sagt der 63-Jährige. „In meinem Vertrag steht, dass ich die Nationalmannschaft zu betreuen habe, und das möchte ich machen.“ Madsen soll dem Bundestrainer Illoyalität vorwerfen. Madsen selbst hat dies aber öffentlich nie erwähnt. Der Vorwurf klingt in der Tat befremdlich. Thiesmann war zwar fachlich nicht immer einer Meinung mit Madsen, aber von Illoyalität war zumindest öffentlich nichts zu bemerken.

Trotzdem kommt es nicht überraschend, dass Madsen Thiesmann ausbremsen möchte. Schon vor den Weltmeisterschaften 2007 hatte Madsen entschieden: Thiesmann bleibt zu Hause. Erst nach heftigen internen Diskussionen gab der Cheftrainer nach. Thiesmann fuhr mit nach Melbourne. Auch damals soll Illoyalität eine Rolle gespielt haben.

Es ist gut möglich, dass im Hintergrund noch uralte Rechnungen beglichen werden sollen. Denn Thiesmann ist für ehemalige DDR-Trainer unverändert ein rotes Tuch. Sie werfen dem langjährigen westdeutschen Bundestrainer Kompetenzmängel vor und verweisen auf ihre eigene Medaillenbilanz. Allerdings blenden sie dabei souverän aus, dass sie diese Medaillenflut vor allem dem perfekten Dopingsystem der DDR zu verdanken haben. Außerdem hat Thiesmann ebenfalls eine lange Reihe von Schwimmern zur Weltklasse geführt.

Madsens persönlicher Berater ist Klaus Rudolph, der in der DDR Cheftrainer war, als das Dopingprogramm seine volle Kraft entfaltete. Der Norweger hat Rudolph in seiner Antrittsrede als „exzellenten Fachmann und meinen engen Freund bezeichnet“. Zudem genießt Norbert Warnatzsch bei ihm einen großen Stellenwert, der Trainer von Britta Steffen. Warnatzsch gehört zu den früheren DDR-Trainern, die Thiesmann ablehnen. Dass diese Experten als Einflüsterer gegen den Bundestrainer wirken, ist nicht ausgeschlossen. Warnatzsch und Rudolph waren für Stellungnahmen nicht zu erreichen.

Egal, wie der Streit ausgeht, für beide Betroffenen ist nach Peking sowieso alles vorbei. Nicht bloß Thiesmann geht nach den Olympischen Spielen in Rente. Auch Madsen hört als Cheftrainer auf.

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