Sport : Streiten mit Gewinn

Vor der Eisschnelllauf-WM ignorieren sich Friesinger und Pechstein, so profitabel es geht

Benedikt Voigt

Berlin. Wenn man so will, hat Anni Friesinger den ersten Wettbewerb bei der Eisschnelllauf-WM in Berlin gegen Claudia Pechstein gewonnen. Wer inszeniert sich besser, nannte sich das Duell, und Pechstein hatte am Dienstagmittag bei der offiziellen Pressekonferenz der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) in einem Autohaus in Marzahn vorgelegt. Allerdings blieb die Doppelolympiasiegerin von Salt Lake City bei ihrem kurzen Auftritt im Trainingsanzug auf dem Podium eine unter vielen Athleten und noch mehr Autos. Friesinger hingegen ließ diesen Programmpunkt sausen. Stattdessen schritt sie abends in einem tief ausgeschnittenen Oberteil über einen roten Teppich auf dem Ku’damm 110 und hielt im Rahmen einer Autovorstellung mit hoher Prominentendichte eine eigene Pressekonferenz ab. „Ich mache mein Ding, und das mache ich richtig“, sagte Anni Friesinger. Es war die spektakulärere Taktik.

Friesinger führt damit die inoffizielle Zickenwertung der Eisschnelllauf-WM mit 1:0 an. Pechstein kann erst am Samstag zurückschlagen, wenn es über 3000 Meter zum einzigen sportlichen Duell der beiden Dauerrivalinnen bei der Einzelstrecken-WM in Berlin kommt. Im vergangenen Jahr hatten die Animositäten zwischen den beiden Eisschnellläuferinnen als „Zickenduell“ Schlagzeilen gemacht und beiden Kontrahentinnen zu Ruhm und Sponsoren verholfen. In dieser Saison müssen die beiden Damen mit einer Frage umgehen, die sich nach jedem Streit stellt: Was kommt nach dem Ärger?

Versöhnung wäre eine gängige Möglichkeit, auf die jedoch keine der beiden Kontrahentinnen zurückgreifen will. Gar nichts, ist die Lösung, die Anni Friesinger gewählt hat. „No comment“, sagt die sonst so redselige 26-Jährige. „Ich möchte mich nicht auf das Niveau des letzten Jahres begeben.“ Claudia Pechstein hingegen verfolgt noch eine dritte Möglichkeit: weiterstreiten.

Die Berlinerin hat offensichtlich festgestellt, dass sie von dem Streit profitierte. Die Gemengelage eines Zickenduells mit zwei olympischen Goldmedaillen hat sich als äußerst lukrativ erwiesen. Eine Autofirma, eine Firma für Haarpflegemittel, ein Nahrungsergänzungsmittelhersteller und eine Sektfirma wollten plötzlich mit Claudia Pechstein werben. In einem Showrennen trat sie gegen den Blödel-Moderator Stefan Raab an. Nur wenige Promotiontermine ließ sie sausen. Was nicht ohne Erfolg blieb. Einer Umfrage zufolge soll die 31-Jährige inzwischen die bekannteste deutsche Wintersportlerin sein. Nun setzt Claudia Pechstein weiterhin auf die einträgliche Streit-Taktik. In einem Interview mit der „FAZ am Sonntag“ diskutierte sie, wer mehr Sponsoren habe. „Ich habe fünf gute Verträge“, sagte Pechstein, „ich glaube, auch da bin ich meiner Konkurrentin voraus.“ Doch Anni Friesinger lässt sich auf das alte Spielchen gar nicht ein. „Ich weiß, wie viele Sponsoren ich habe, und ich weiß, dass ich gute Verträge habe.“ Inzwischen beklagt sich Pechstein auch über den Verband. Dieser würde sie benachteiligen, behauptet sie. Eisschnellläuferin Monique Garbrecht-Enfeldt sagt: „Glauben Sie nicht, dass diese Vorwürfe alle konstruiert sind?“

Es geht bei dieser Eisschnelllauf-WM um öffentliche Aufmerksamkeit, aber nicht zuletzt auch um Sport. Anni Friesinger plagt sich noch mit einer muskulären Verletzung im Rücken herum, doch auch Claudia Pechstein hat ein Problem: Wegen einer gerade überwundenen Grippe verzichtet sie auf einen Start über 1500 Meter. Das wiederum bedeutet, dass es zwischen Friesinger und Pechstein unentschieden steht – nach Krankheiten.

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