Sport : Stress zum Fest

Das harte Programm am Jahresende erschöpft den englischen Tabellenführer Chelsea

Raphael Honigstein[London]

Das Wort „Arbeitssieg“ gibt es im Englischen nicht. Aber wenn José Mourinho es gekannt hätte, hätte der Portugiese es wohl benutzt, um den 1:0-Erfolg seiner Mannschaft gegen Aston Villa zu beschreiben. Überraschend große Mühe hatte der FC Chelsea gehabt, nachdem in den vergangenen Wochen kaum ein Klub ein Spiel gegen den Tabellenführer in England mit weniger als vier Gegentoren beendete. Am Sonntag jedoch sah Chelseas Trainer nach dem Schlusspfiff müde und etwas blutarm aus – genauso wie seine Spieler vorher auf dem Platz. „Es ist unheimlich schwer für die Spieler“, sagte Mourinho ernüchtert. „Am Tag davor gehen sie mit den Frauen einkaufen, und dann sollen sie am Boxing Day dem Ball hinterherjagen. Aber gut, das ist eben die Fußballkultur hier. Wer bin ich, dass ich sie ändern will?“

Deutlicher wurde der 41-Jährige allerdings, als er auf den nächsten Spieltag angesprochen wurde – heute geht es für Chelsea in Portsmouth nämlich schon wieder weiter. „Ich kann das nicht verstehen“, knurrte Mourinho. „Da bleibt genau ein Tag der Regeneration. Sie können jeden Biometriker, Physiologen oder sonst wen fragen – das reicht für einen Sportler nicht. Ich würde mich nicht wundern, wenn es Verletzte gibt.“

In der Tat ist Chelseas Bank nach vielen Ausfällen – darunter auch der verletzte Robert Huth – nicht mehr so exzellent besetzt wie am Anfang der Saison. Für wichtige Spieler wie John Terry, Frank Lampard oder William Gallas gibt es derzeit keine Verschnaufpause, und da sich gerade auch noch Scott Parker den Mittelfuß gebrochen hat, will Mourinho im Januar noch einen Spieler verpflichten. „Wir brauchen keinen Weltklassemann, sondern einen normalen Spieler, der uns weiterhelfen kann“, sagte der Trainer.

Ein normaler Spieler beim Starklub FC Chelsea? Bedarf gäbe es höchstens auf der Mittelstürmerposition, denn da ist Chelsea, das sah man am Sonntag, vergleichsweise schwach besetzt. Ob Didier Drogba, Mateja Kezman oder Eidur Gudjohnsen – keiner von ihnen empfiehlt sich momentan für einen Stammplatz. Bisher wird der Mangel auf der zentralen Position durch die großartigen Flügelstürmer Arjen Robben und Damien Duff, der gegen Aston Villa den Siegtreffer erzielte, kompensiert. Aber das hektische Programm der nächsten Wochen wird Chelseas Meisterschaftsambitionen ernsthaft auf die Probe stellen. Zumal alle Verfolger ebenfalls gewonnen haben, einschließlich Arsenal, wo Jens Lehmann das 2:0 gegen Fulham wieder einmal nicht im Tor, sondern auf der Bank erlebte. „Die große Frage ist nun, ob wir den Vorsprung von fünf auf sieben oder acht Punkte ausbauen können oder ob es von fünf runter auf drei oder zwei geht“, sagte Mourinho. „Wir wollen das nicht, aber wir wissen, dass wir einen Fehler machen können.“

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