Sport : Stressiger Tag

Jens Boden grinste, dann deutete er mit dem Daumen nach oben und machte auf dem Siegertreppchen einen Freudensprung. Der bislang nur Insidern bekannte Gewinner der ersten deutschen Medaille in Salt Lake City war fassungslos. "Unglaublich, es lief einfach. Wahnsinn. Ein Traum", sagte der Eisschnellläufer auf der Suche nach dem passenden Superlativ für seinen dritten Platz über 5000 Meter mit deutscher Bestmarke (6:21,73 Minuten) rund sieben Sekunden hinter dem in Weltrekordzeit gestoppten Niederländer Jochem Uytdehaage und Derek Parra (USA). Nach Bronze des Berliners René Schöfisch 1984 war es erst die zweite Olympia-Medaille der Deutschen auf dieser Distanz.

Salt Lake City 2002 Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen Gunda Niemann-Stirnemann, Deutschlands beste Eisschnellläuferin aller Zeiten, hielt mit der Videokamera all die Freudenszenen um Jens Boden fest, dann fiel sie dem 23-Jährigen um den Hals. "Ein unglaublicher Erfolg für Jens. Ich wusste, dass er ein Pfund draufhat. Aber damit konnte keiner rechnen", sagte Niemann-Stirnemann, die vor ihrer Schwangerschaft als Trainingspartnerin von Boden und Frank Dittrich in Chemnitz ihre Runden auf dem Eis drehte. Bei der Party kurz vor Mitternacht wurde Boden im Deutschen Haus mit Ovationen gefeiert und durfte sich zu später Stunde nicht nur sein angekündigtes "Bierchen", sondern auch einen Schluck Schampus gönnen. "Mann, war das ein stressiger Tag", sagte der 23-Jährige aus Pohrsdorf bei Dresden, den am Morgen noch kaum einer gekannt hatte.

Der Sportsoldat, der bisher noch nie an einer Welt- oder Europameisterschaft teilnahm, hatte erst als Weltcup-12. von Heerenveen in letzter Sekunde den Sprung ins Olympiateam geschafft. In Salt Lake City hatte er in der ersten Startgruppe frühzeitig eine Leistung geboten, mit der er seine Bestzeit um sagenhafte 15 Sekunden drückte. Danach führte er fast zwei Stunden lang das Klassement an. "Ich bin gelaufen wie in einem Tunnel", sagte er fassungslos. Boden bescherte damit seinem Coach Klaus Ebert die erste Olympia-Medaille nach 30 Jahren im Trainerjob. "Ich muss den Hut ziehen: Er war absolut cool, ist locker und ohne jeden Druck gelaufen. Einfach verkehrte Welt - eigentlich hatte ich die Medaille Frank Dittrich zugetraut", sagte Ebert. Der 34-jährige Dittrich hatte in seinem siebten Olympia-Rennen als Neunter eine Medaille deutlich verpasst. "Ich brauche Jahre, diesen Frust zu verarbeiten. Jetzt bin ich für die 10 000 m verunsichert", gestand der mehrmalige WM-Dritte, dessen deutschen Rekord Boden um 3,97 Sekunden unterboten hatte.

Boden und Dittrich teilen sich im Olympischen Dorf ein Zimmer. Viel geschlafen werden sie wohl beide nicht haben nach diesem denkwürdigen Tag. Boden wird viel zu aufgewühlt gewesen sein, Dittrich wird sich gegrämt haben in seinem Bett neben dem Bronzemedaillengewinner. Auf der Bahn waren sie freundschaftlich miteinander umgegangen. "Frank hat mir sofort gratuliert, und ich habe ihm die Daumen gedrückt, dass er meine Zeit noch erreicht", erzählte Boden. Als Nachfolger von Dittrich will er sich noch nicht sehen, aber er sagt: "Es wäre schön, wenn keine Lücke entsteht". In den letzten zwei Jahren hatte Boden ein Tief durchquert und sogar an das Ende der Karriere gedacht. Der Grund für seine Leistungsexplosion liegt für ihn auf der Hand: "Weniger Partys, dafür mehr Training. Ich habe in dieser Saison den Sport konzentrierter durchgezogen."

"Das war bodenlos", sagte Verbandspräsident Gerhard Zimmermann zur ersten Medaille der deutschen Männer seit dem Doppel-Gold von Uwe-Jens Mey und Olaf Zinke vor zehn Jahren in Albertville. Mit der insgesamt zehnten Olympia-Medaille deutscher Herren hatte Boden zudem für ein Jubiläum gesorgt. Niemann-Stirnemann hatte derweil Mitgefühl mit Frank Dittrich. "Frank jagt schon so lange seinem Traum hinterher, und dann kommt so ein junger Flitzer und macht es ihm vor", sagte Niemann-Stirnemann. Bei seinen vierten Olympischen Spielen hat Frank Dittrich am 22. Februar über 10 000 m die letzte Medaillenchance seiner Karriere. Die 10 Kilometer sind allerdings auch die Lieblingsdistanz eines anderen Läufers - von Jens Boden.

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