Sport : Stürmische Party

Bei Wind und Dauerregen feiert Aserbaidschan die 0:1-Niederlage gegen England wie einen Sieg

Ingo Petz[Baku]

Vor dem WM-Qualifikationsspiel gegen England ehrten die Offiziellen des aserbaidschanischen Fußballverbandes ihren berühmtesten Fußballer. Vor dem Stadion in der Hauptstadt Baku wurde ein bronzenes Denkmal Tofik Bachramows enthüllt. Nach ihm ist auch das Stadion benannt. Nun war dieser Bachramow eigentlich Schiedsrichter, berühmt wurde er als Linienrichter, weil er 1966 im WM-Finale zwischen England und Deutschland den Ball nach Geoff Hursts Schuss im Tor gesehen hatte, das so genannte Wembley-Tor. Welcher westliche Schiedsrichter kommt schon zu solchen Ehren?

Am Mittwoch nun spielten die seinerzeit bevorteilten Engländer im Rahmen der WM-Qualifikation erstmals im Bachramow-Stadion, und ein ganzes Land probte den Einzug des Fußballs als Popkultur. Die Zeitungen hatten dem Spiel gegen England seit Tagen riesige Artikel gewidmet, jeder Schritt der englischen Stars wurde akribisch beschrieben. Sie blieben weitgehend stumm, verweigerten alle Interviewwünsche, und auch ihr Trainer Sven-Göran Eriksson verschwand nach dem Spiel, ohne die Pressekonferenz zu besuchen. Dort saß der Trainer der Aserbaidschaner allein und erklärte das, was man als vermeintlicher Fußballzwerg nach einer 0:1-Niederlage gegen England nur sagen kann: „Aserbaidschan hat gezeigt, dass es auch vor großen Mannschaften keine Angst zu haben braucht. Zudem haben wir auch ganz ordentlich Fußball gespielt.“ Carlos Alberto heißt der Mann, 1970 war er Kapitän der brasilianischen Weltmeistermannschaft, seit Februar trainiert er Aserbaidschan. Allerdings nur mit mäßigem Erfolg, wenn man die Punkte zählt. In der Gruppe D der WM-Qualifikation holte er bisher zwei Unentschieden und belegt mit Aserbaidschan vor Nordirland den vorletzten Platz. „Es liegt noch viel Arbeit vor uns, aber wir sind auf einem guten Weg“, sagt er immer wieder.

Der große Erfolg blieb für Aserbaidschan noch aus. Die Engländer hatten auch ohne den verletzt fehlenden David Beckham kaum Probleme, die sehr defensiv eingestellten Aserbaidschaner zu kontrollieren. Der zuletzt hart kritisierte Michael Owen erzielte schon in der ersten Halbzeit das Siegtor. Es war ein zu keiner Zeit gefährdeter Pflichtsieg. England führt die Gruppe 6 nun klar mit zehn Punkten an.

Viel mehr als mit dem Gegner kämpften die Engländer mit Dauerregen und eiskaltem Wind, der mit 70 Kilometer pro Stunde durch das Stadion wehte. 5000 englische Fans froren in der Nordkurve, darunter viele Mitarbeiter der großen Firmen, die im Kaspischen Meer Öl fördern. Die Karten hatten auch deshalb bis zu 50 Euro gekostet, was ungefähr einem halben Monatslohn eines Aserbaidschaners entspricht.

Dennoch war die Stimmung erschlagend. Ein englischer Radio-Reporter sagte: „So ein Spiel habe ich noch nie erlebt.“ Vor dem Stadion feierten Tausende Aseris ihr Land, Autokorsi schoben sich hupend durch den zähen Verkehr. Es kam zu Verbrüderungsszenen. Spezialeinheiten, die das Stadion sicherten, standen vor wärmenden Lagerfeuern, während das Stadion tobte. Und es war ein seltsam komischer Anblick, als die Soldaten zu orientalischen Klängen im Laufschritt ihre Plätze im Stadion einnahmen, während der Stadionsprecher nicht müde wurde zu schreien: „Aserbaidschaaaan! Aserbaidschaaaaan!“ Das Land feierte seine Hoffnung, irgendwann einen der Großen besiegen zu können – und dass die Zeit kommt, in der in Baku einem Fußballer ein Denkmal gesetzt wird und nicht einem Schiedsrichter.

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