Sport : Stürmische Zeiten

Schalke 04 verzeichnet im Angriff erheblichen Zuwachs – das soll sich auch in der Taktik niederschlagen

Richard Leipold

Wer hat das Sagen im Verein? Schalke schreibt das Jahr eins nach Rudi Assauer. 13 Jahre lang hatte der Manager nach Art eines Volkstribunen Macht ausgeübt. Niemand traute sich, ihn zu stürzen. Nur einer versuchte hartnäckig, die Galionsfigur zu schwächen: Clemens Tönnies. Je weniger Fortune Assauer im Tagesgeschäft hatte, je mehr über seine Gesundheit spekuliert wurde, desto stärker wurde sein Gegenspieler. Schließlich entzog der Aufsichtsrat dem Manager das Vertrauen und zwang ihn zum Rücktritt von allen Ämtern (er war auch Geschäftsführer verschiedener Tochtergesellschaften). Sportlich hat nun Assauers einstiger Zögling Andreas Müller das Sagen – auch dank Tönnies. Der Fleischfabrikant aus Rheda-Wiedenbrück ist der starke Mann im Hintergrund, nicht nur weil er dem Klub in prekärer Lage zuweilen mit Krediten in der Größenordnung von fünf Millionen Euro hilft.

Was hat sich verbessert? Im Angriff herrscht Gedrängel, fünf Kandidaten stehen dort zur Auswahl. Das könnte zwar Unzufriedenheit schüren, bedeutet aber auch wachsenden Konkurrenzdruck. Ein oft überschätzter Stürmer wie Kevin Kuranyi wird mehr um seinen Stammplatz kämpfen müssen als vorher. Seine Schonfrist sollte nach einem Jahr Schalke und zehn Bundesligatoren abgelaufen sein.

Wie sicher ist der Job des Trainers? Erst wurde Mirko Slomka überraschend zum Cheftrainer befördert, dann wurde er überraschend weiterbeschäftigt, obwohl die Mannschaft sich nicht – wie vorgegeben – für die Champions League qualifiziert hat. Wenn Slomka sich behaupten will, muss er mindestens Dritter werden. Sollte dieses Ziel außer Reichweite geraten, wäre seine Position stark gefährdet, zumal Christoph Daum derzeit frei ist.

Welche Taktik ist zu erwarten? Slomka favorisiert neuerdings ein 4-3-3-System. Auf diese Weise kann er die gewachsenen personellen Ressourcen im Sturm besser ausschöpfen. Dieser Teil der Mannschaft hatte die Erwartungen in der zurückliegenden Saison am auffälligsten unterboten. Mit 47 erzielten Toren bewegte Schalke sich auf dem Niveau des Absteigers Kaiserslautern.

Welche Platzierung ist möglich? Die Verantwortlichen zeigen Mut. Trainer und Manager geben die Meisterschaft als Ziel aus – eine Abkehr von der Linie Assauers, der oft gesagt hat, wenn ihm jemand den zweiten Platz garantierte, würde er „sofort unterschreiben“. Im Lichte des Systems Klinsmann glaubt Slomka an Zuwachsraten, die sich aus den Komponenten Teamgeist und Fitness speisen.

Wer sind die Stars? Ebbe Sand war ein Star. Einer, den das Volk liebte, obwohl er im Innenleben des Klubs zuweilen egoistische Züge offenbarte. Der Däne hat seine Karriere beendet. Schalke besitzt noch eine Reihe namhafter, vor allem teurer Kicker. Aber ein richtiger Star ist nicht zu sehen. Die einschlägig Verdächtigen bieten sich aus unterschiedlichen Gründen für diese Rolle nicht an. Torwart Rost ist nicht nett genug, Kuranyi nicht treffsicher genug, der Kapitän Bordon zu phlegmatisch, und Publikumsliebling Asamoah droht der Verlust des Stammplatzes.

Wie sind die Fans? Schalkes Fans sind vor allem geduldig. Jahr für Jahr sehnen sie sich nach dem ersten Meistertitel seit 1958, und wenn die Mannschaft das Ziel wieder verpasst hat, buchen sie trotzdem unverdrossen ihre Tribünenplätze. Die Arena ist bei fast jedem Heimspiel ausverkauft. Nur wenn vermeintliche Stars sich nicht genug anstrengen, werden die Anhänger unfreundlich. Dann nehmen sie keine Rücksicht auf Namen und pfeifen einen wie Kuranyi auch mal aus.

Wer war der WM-Held? Die Arena. Sie war während des Turniers an den Fußball-Weltverband Fifa vermietet. Weil das Stadion sich so bewährt hatte, erlaubte die Fifa dem FC Schalke – gegen ihre ursprüngliche Absicht, kurz vor dem Viertelfinale ,– seine Mitgliederversammlung in der Arena abzuhalten. Die Schalker Profis fielen bei der WM weniger auf.

Morgen: Hamburger SV

Die gesamte Serie im Internet: www.tagesspiegel.de/bundesliga

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