Sport : Stürzende Helden

Nach Morgensterns Unfall wollten manche Skispringer in Kuusamo nicht antreten – und mussten trotzdem springen

Benedikt Voigt

Kuusamo/Berlin . Die Gefahren lauern überall in Kuusamo. Als Marko Baacke am Freitag zu Fuß die Treppe von der Großschanze hinabsteigen wollte, rutschte er plötzlich auf einer vereisten Stufe aus. Mit beiden Händen klammerte sich der Nordische Kombinierer ans Geländer und verhinderte, dass er erneut auf seiner Unglücksschanze stürzt. Vor zwei Jahren ging es schlimmer aus. Damals sprang er mit Skiern über die Anlage – und stürzte schwer. Die Ärzte konnten durch eine Notoperation, bei der ihm eine Niere und die Milz entfernt wurden, das Leben retten.

Auch auf die Spezialisten im Skispringen lauern in Kuusamo große Gefahren. Das zeigte das vergangene Wochenende. Am Samstag musste das Weltcupspringen in Kuusamo abgebrochen werden, weil der Österreicher Thomas Morgenstern schwer gestürzt war. Am Sonntagmorgen mussten die Springer widerwillig erneut über jene Schanze springen, weil der internationale Skiverband Fis das abgebrochene Springen erneut angesetzt hatte. Abermals litt der Durchgang unter widrigen Windbedingungen und musste nach dem ersten Durchgang beendet werden. Der deutsche Bundestrainer Wolfgang Steiert sagte: „Ich bin nicht glücklich, dass der Wettkampf stattgefunden hat.“ Der österreichische Springer Martin Höllwarth hatte sogar versucht, einen Streik zu organisieren. „Das war zum zweiten Mal ein Kasperletheater“, sagte Höllwarth, „ich habe bei den Springern rumgefragt, aber niemand wollte mitziehen.“

Renndirektor Walter Hofer verteidigt seine Entscheidung. „Es war der Wunsch der Trainer, sich hier mit einem positiven Bild zu verabschieden.“ Andere vermuteten Druck aus dem Umfeld, dass das Springen am Sonntag noch durchgeführt wurde. Die Fis verdient mit dem Skispringen von Fernsehen und Sponsoren viel Geld. Hofer sagt: „Es gab keinen Druck von Sponsoren, Organisatoren oder Fernsehen.“ Schon am Vortag musste er sich Kritik gefallen lassen. Zu spät hätte der Verband den Durchgang abgebrochen. Schon vor Morgenstern war der Österreicher Andreas Kofler bei widrigen Windbedingungen gestürzt. Hofer sagt: „Ich habe ein gutes Gewissen, bei Morgenstern waren die Bedingungen nicht schlechter als bei anderen.“ Der Österreicher hatte sich in der Luft überschlagen und war mit dem Rücken auf den Hang geknallt. Er hatte großes Glück, dass er nur Prellungen, eine Gehirnerschütterung und zwei Schnittwunden erlitt. „Ich hatte solche Angst und habe gebetet, als ich mich überschlagen habe“, sagte Morgenstern dem „Sportinformationsdienst“.

Es war der schwerste Sturz seit 1999, als der Russe Waleri Kobelew tagelang in Lebensgefahr schwebte, weil er beim Skifliegen in Planica schwer stürzte. „Man hat gesehen, wie gefährlich es sein kann, Ski zu springen“, sagte Hofer. Die Abstimmung zwischen Skiern, Anzug und Springer ist in der Luft leicht zu erschüttern. Deshalb kann auch ein leichter Windstoß die Springer in Gefahr bringen. „Es gibt immer das Risiko schlimmer Verletzungen“, sagte der österreichische Sprungdirektor Toni Innauer.

„Ich war nicht gerade heiß darauf, noch mal zu springen“, sagte der deutsche Skispringer Martin Schmitt am Sonntag, „die Gesundheit ist schließlich das größte Kapital, das man als Sportler hat.“ Er landete auf Platz neun, Sven Hannawald belegte Platz acht, der Norweger Sigurd Pettersen gewann. Doch das war am Sonntag nicht wichtig. Wichtig war, dass alle heil unten angekommen sind.

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