Sport : Stunde Null als Chance

Gladbachs Gegner Aachen erfindet sich gerade neu.

Holger Richter[Aachen]

Wenn man keine Chance hat, sollte man die wenigstens nutzen. Drittligist Alemannia Aachen ist derzeit unabhängig vom heutigen Pokalderby gegen Borussia Mönchengladbach dabei, genau das zu tun. Denn eine Chance hatte der Klub nicht wirklich, als er Anfang Mai den Weg in die Dritte Liga antreten musste. Wie denn auch – es gab ja keine Alemannen mehr. Spieler, Trainer, Betreuer, Geschäftsstellenmitarbeiter – niemand hatte einen Vertrag für die Dritte Liga. Statt Wiederaufstieg war Stunde Null angesagt.

„Das war vielleicht das Beste, was der Alemannia passieren konnte“, sagt der Aachener Manager Uwe Scherr. „Jetzt können wir mit den Spielern zusammenarbeiten, die wir wirklich wollen. Und nicht diejenigen, die wir wegen laufender Verträge nehmen müssen.“ Die Frage war zu diesem Zeitpunkt nur, ob es überhaupt Spieler gab, die nach Aachen wollten. Denn allzu viel konnte man den Profis nicht bieten. Statt über laufende Verträge verfügte die Alemannia nämlich über einen veritablen Klotz am Bein. Mit dem 50 Millionen Euro teuren Stadion, dem neuen Tivoli, das 2009 eröffnet wurde, hatte sich der Verein schwer verhoben. Die Stadt Aachen musste finanziell einspringen, es wurde zur Umfinanzierung des Stadions ein Kredit gewährt, der die jährliche Belastung auf ein erträgliches Maß reduzieren sollte. Doch nach dem Abstieg schienen selbst die eine Million Euro kaum noch tragbar. Wurde doch mit einem Heimschnitt von 9800 Zuschauern kalkuliert, bei gleichzeitiger Reduzierung des Sportetats auf 2,7 Millionen Euro.

Und dann kam Uwe Scherr. Gemeinsam mit Trainer Ralf Aussem nutzte er die letzte Chance. Trainer und Manager überzeugten gestandene Profis wie Albert Streit, Thomas Stehle oder Aimen Demai, am Tivoli zu bleiben und konnten beispielsweise Sascha Rösler zurück nach Aachen locken. Zusammen mit einigen Talenten stellten die Verantwortlichen einen Kader zusammen, dem 19 von 20 Drittliga-Trainern in einer Umfrage des „Kicker“ den direkten Wiederaufstieg zutrauen – nur Aachens Coach Ralf Aussem hielt sich zurück. Im Gegensatz zu den Fans: Die ersten drei Heimspiele am Tivoli besuchten im Schnitt 16 801 Anhänger. Sie wittern offenbar die Chance, die die Alemannia eigentlich gar nicht hat.

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