Sport : Sturm der Gelassenheit

Nach dem 6:0 gegen den Hamburger SV reagiert Werder Bremen mit demonstrativer Ruhe auf wütende Münchner

Steffen Hudemann

Bremen. Das Spiel war seit etwa zwanzig Minuten beendet. 6:0 hatte Werder Bremen gegen den Hamburger SV gewonnen und damit einen großen Schritt zur vierten Deutschen Meisterschaft gemacht. Werders Trainer Thomas Schaaf war gerade ins Studio des Fernsehsenders „Premiere“ gekommen, als das Bild eines zornigen Uli Hoeneß auf den Bildschirmen erschien.

Der Bayern-Manager stand in den Katakomben des Kölner Stadions und war noch sichtbar erregt vom Spiel der Münchner beim Tabellenletzten 1. FC Köln. 0:1 hatten die Bayern durch ein Tor von Lukas Podolski zurückgelegen. Kurz vor Ende der ersten Halbzeit glich Claudio Pizarro nach einem Fehler vom Kölner Torhüter Stefan Wessels aus, und erst eine Viertelstunde vor Schluss erzielte der kurz zuvor eingewechselte Bastian Schweinsteiger den 2:1-Siegtreffer für den FC Bayern. Das Tor wahrte dem Rekordmeister die letzte Chance auf die Meisterschaft – und dennoch waren die Münchner an diesem Nachmittag nicht so recht glücklich. Denn sie hatten im Grunde einen Punkt verloren. Durch den hohen Sieg haben die Bremer nun eine so gute Tordifferenz, dass sie wohl selbst bei Punktgleichheit beider Mannschaften am Saisonende noch vor den Bayern stünden.

Das alles hatte Hoeneß im Kopf, als er mit zornesrotem Gesicht lospolterte. Hatte der Hamburger SV 1993, im Jahr des letzten Bremer Meistertitels, nicht schon einmal in der entscheidenden Saisonphase 0:5 in Bremen verloren? „Eine wahnsinnige Sauerei“, sei das gewesen, was Hamburg da abgeliefert habe, wetterte er. „Kein Mensch konnte ahnen, dass der HSV sich so abschlachten lässt.“ Nun reiche es den Bayern nicht, mit 1:0 oder 2:0 gegen Bremen zu gewinnen. „Wir werden die Bremer niedermachen, wir werden sie wegfegen“, kündigte der Manager an.

Es bestanden also beste Voraussetzungen für Schaaf, nun seinerseits zurück zu schimpfen. Doch nichts dergleichen: Bremens Trainer stand wie immer äußerlich gleichmütig da – wie immer im grauen Kapuzenpulli – und sagte das, was er seit Wochen sagt: Die Mannschaft habe eine starke Leistung abgeliefert, der Sieg werde Selbstvertrauen und Stärke für das kommende Spiel in München geben. „Wir wollen ein gutes Spiel machen. Mal sehen, was dabei rumkommt.“

Mal sehen, was dabei rumkommt: Nach diesem Motto verfahren die Bremer, seitdem sie am 16. Spieltag die Tabellenführung übernahmen und nicht wieder abgegeben haben. Als der Vorsprung von zwischenzeitlich elf auf nur noch sechs Punkte schrumpfte, rechnete Sportdirektor Klaus Allofs vor, dass Werder zur Winterpause vier Punkte vor den Bayern gelegen hatte. Damals wäre man glücklich gewesen, wenn man diesen Vorsprung würde halten können. Stattdessen habe man ihn sogar ausgebaut und sei folglich „überglücklich“.

Natürlich wäre es für Werder eine Katastrophe, sollte das Team die Meisterschaft nach diesem Saisonverlauf in den letzten drei Begegnungen noch verspielen. Nur zeigen sie das nicht nach außen. Die Gelassenheit ist Teil der Strategie, das Image vom sympathischen Außenseiter weiter zu pflegen. Und so passte Hoeneß’ Wutausbruch den Bremern ganz gut ins Konzept.

„Herr Hoeneß ist alt genug. Er weiß, was er sagt. Jeder kann sich selbst seine Meinung über diese Aussagen machen“, sagte Schaaf. Die Zeiten, in denen der frühere Bremer Manager Willi Lemke gern lautstark in Richtung München stichelte, sind vorbei. Allofs lässt die Vorwürfe lieber lässig an sich abprallen. „Das ist doch an den Haaren herbeigezogen. Wenn man etwas sucht, dann findet man auch was“, sagte der Sportdirektor. Nach diesem Spiel von Nachbarschaftshilfe zu reden, sei „absolut lächerlich“. Tatsächlich besteht eine große Rivalität zwischen den beiden Nordklubs. Viele HSV-Fans gönnen eher den Bayern als den Bremern den Titel.

Nach dem Wutausbruch des Managers verbreiteten die Spieler und Trainer der Münchner Zweckoptimismus. „Wir haben die berechtigte Hoffnung, auch in diesem Jahr Deutscher Meister zu werden“, sagte Trainer Ottmar Hitzfeld. Nationaltorhüter Oliver Kahn freute sich schon auf die große Chance, am kommenden Samstag im Heimspiel gegen Werder Bremen „auf drei Punkte heranzukommen“.

Mit den Vorwürfen aus München dürften die Bremer indes noch motivierter als ohnehin schon in das Spitzenspiel gehen. „Es wäre die Krönung dieser Saison, in München die begehrte Meisterschale zu holen. Wir werden alles dafür tun“, sagte der junge Abwehrspieler Christian Schulz, und der Franzose Valerién Ismael, gegen den HSV wieder einmal einer der stärksten Bremer, war sich sicher: „Wir fahren nach München, um zu gewinnen.“

Ganz ohne Seitenhieb kamen die Bremer dann aber doch nicht aus. Klaus Allofs deutete Hoeneß’ Aussagen auf eine ganz neue Weise. „Wenn er damit meint, dass die Bayern auf die Knochen gehen wollen, dann ist es doch gut, wenn sie das vorher ankündigen. Dann können sich die Schiedsrichter darauf einstellen.“

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