Sport : Sturm und Zwang

Rafael muss mehr Tore für Hertha schießen, um aus dem Schatten des neuen Angreifers Pantelic zu treten

Ingo Schmidt-Tychsen

Berlin - Nando Rafael kneift die Augen zusammen, er hebt den Daumen und guckt dabei Yildiray Bastürk an. Der Stürmer Rafael ärgert sich maßlos über sich selbst in dieser 66. Minute des Fußball- Bundesligaspiels zwischen Hertha BSC und dem MSV Duisburg, doch er zeigt es nicht. Noch nicht. Kurz zuvor hatte Rafael den Ball nach einem guten Pass von Bastürk freistehend vor Duisburgs Torwart Georg Koch über die Latte des Tores geschossen. Als Nando Rafael in der 90. Minute per Kopf das Siegtor zum 3:2 erzielt, tritt er wild um sich, er boxt in die Luft. „Ich war sauer wegen der großen Chance zuvor“, sagte er.

In der vorigen Saison hatte Rafael bereits häufig gute Gelegenheiten ausgelassen. So geärgert wie am Mittwochabend im Olympiastadion hat er sich darüber jedoch nie. Der Druck auf den Stürmer ist wesentlich höher geworden. „Ich will im Training ab sofort noch mehr arbeiten, mich noch mehr anbieten“, sagt Rafael. In der vergangenen Spielzeit befand er sich in einer bequemen Situation: Als junges Talent und mit schwacher Konkurrenz im Sturm wurde der 21-Jährige trotz seiner schlechten Trefferquote (sechs Tore in 28 Spielen) immer wieder aufgestellt. In dieser Saison wird er sich deutlich steigern müssen, um weiterhin von Beginn an spielen zu dürfen. Rafael hat in Marko Pantelic einen Konkurrenten bekommen, an dem er in näherer Zukunft kaum vorbeikommen dürfte. Herthas Neuzugang hat in seinen drei Bundesligaspielen bereits zwei Tore erzielt. Und nicht nur deshalb ist der Serbe bisher so positiv aufgefallen.

Pantelic ist auf dem Platz bereits klar als Führungsspieler zu erkennen – er beklatscht Aktionen seiner Mitspieler häufig, er spricht viel mit ihnen. Der 27-Jährige scheint auch von seinen Spielanlagen sehr gut in das System der Berliner zu passen, in dem ein einziger Stürmer häufig auf sich allein gestellt ist und nur wenig Zuspiele bekommt. Pantelic ist anders als viele Stürmer, die den Durchbruch bei Hertha nicht geschafft haben. Fredi Bobic zum Beispiel beklagte sich über zu wenig Flanken. Auch Artur Wichniarek beschwerte sich zuletzt darüber, dass die Stürmer kaum Chancen bekämen. Der Pole konnte sich in seiner dritten Saison für Hertha bisher noch nicht durchsetzen.

Marko Pantelic beklagt sich nicht über zu wenig Anspiele. Wenn diese nicht kommen, holt er sich die Bälle einfach selbst. Gegen Duisburg ließ sich der Stürmer immer wieder ins Mittelfeld fallen, um sich selbst ins Spielgeschehen einzubeziehen. Beim 0:0 am vergangenen Sonntag auf Schalke, als die Berliner eine Stunde in Unterzahl spielen mussten, schaffte er mit seinen Dribblings bei Kontern Entlastung für seine Mannschaft. Pantelic hat überzeugt, also ist er gesetzt für die nächsten Spiele.

„Es freut mich besonders, dass ein Stürmer aus der zweiten Reihe hinter Pantelic ein Zeichen gesetzt hat“, sagte Hoeneß nach dem Spiel gegen Duisburg. Trotz seines Siegtreffers wird Nando Rafael am Sonntag beim 1. FC Köln aber nicht unbedingt von Beginn an spielen dürfen. Wenn Trainer Falko Götz seine Mannschaft wie gegen Duisburg wieder mit nur einem echten Stürmer spielen lässt, dann fängt Rafael bestimmt nicht an. Doch selbst bei der unwahrscheinlicheren Variante mit zwei Angreifern ist er nicht gesetzt.

Bei Herthas Uefa-Cup-Spiel in Nikosia erhielt Solomon Okoronkwo den Vorzug vor Rafael. Der 18 Jahre alte Nigerianer ist seit dieser Saison spielberechtigt und gilt als großes Talent. „Es läuft noch nicht so rund bei ihm. Aber gerade deshalb wird er weiterhin Spielpraxis bekommen“, sagt Götz.

Die Situation in Herthas Sturm hat sich mit der Verpflichtung von Marko Pantelic gewaltig verändert. Vier von Herthas zehn Bundesliga-Toren haben die Stürmer geschossen, das ist eine außergewöhnlich hohe Quote im Vergleich zu den vergangenen Jahren. „Mit Marko werden wir vorne weiter erfolgreich sein“, sagt Rafael. Die Frage ist, wie viel der 21-Jährige daran mitwirken darf.

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