Sport : Sucht mal schön

Beim DFB sind alle ratlos, aber ein neuer Trainer muss her – damit sich frühere Possen nicht wiederholen

Michael Rosentritt

Berlin - Als Rudi Völler noch Teamchef war, erzählte ihm ein niederländischer Reporter, wie sehr sich Bondscoach Dick Advocaat darüber beschwere, dass es 16 Millionen holländische Nationaltrainer gibt. Völler lachte und antwortete: „Bei uns gibt es noch ein paar mehr, aber nicht so viele wie in China.“ Inzwischen ist aus dem kleinen Scherz bitterer Ernst geworden. Unter 80 Millionen Deutschen, die, solange es einen Bundestrainer gab, sowieso alles besser wissen wollten, lässt sich kein geeigneter Nachfolger für das wichtige Amt finden. Nach Ottmar Hitzfelds Absage herrscht schon den zweiten Tag in Folge Ratlosigkeit.

Da es die ideale Lösung Hitzfeld nicht gibt, müssen sich die Spitzen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) über eines im Klaren werden: Will der Verband eine perspektivische Lösung, also einen Trainer, der ein langfristige Konzeption hat, weitreichende Befugnisse erhält, die Strukturen umkrempelt und der Personal notfalls tauscht? Inklusive der Gefahr, dass seine Arbeit bei der WM im eigenen Land in zwei Jahren noch keine Früchte trägt. Oder will der DFB jetzt einen Trainer, der nur auf das eine große Ereignis hin die Nationalmannschaft betreut, damit die bei der WM konkurrenzfähig ist. In letzterem Fall ist das Anforderungsprofil an den neuen Mann einfach und klar umrissen. Es müsste einer her, der die Nationalmannschaft wie eine Vereinsmannschaft versteht, der nicht in die Innereien des Verbandes kriecht und große umwälzende Reformen in Gang setzt. Die müssten von einem anderen, vielleicht auch neuen DFB-Präsidenten, zeitgleich in Gang gesetzt werden. So könnte bei einem guten WM-Abschneiden der Schwung ausgenutzt und nicht erst dann wieder bei null angefangen werden.

In beiden Fällen muss der DFB aufpassen, dass die Suche nach einem neuen Bundestrainer nicht wieder zur Posse gerät. Nach dem EM-Aus 1984 musste Jupp Derwall gehen. Der damalige DFB-Präsident Neuberger war sich schon vor dem Turnier mit Stuttgarts Meistertrainer Benthaus einig, nur verbrachte der seinen Urlaub in Kanada, wo ihn niemand erreichen konnte. Die „Bild“-Zeitung titelte damals: „Franz: Ich bin bereit“. Nur Franz Beckenbauer wusste nichts davon – sein Manager Robert Schwan hatte die Schlagzeile platziert. Als größter Irrtum in der deutschen Trainergeschichte erwies sich 1998 die Ernennung Erich Ribbecks, nachdem Vogts vom Boulevard zum Rücktritt gezwungen worden war. Nach der desaströsen EM 2000 sollte Christoph Daum auf Ribbeck folgen. Da der nicht sofort eine Freigabe seines Vereins Bayer Leverkusen erhielt, wurde nach einer Übergangslösung gesucht. Rein zufällig wohnte Völler, der seinen Italienurlaub geplant hatte, einer Herrenrunde in einer Villa nahe Köln bei. Plötzlich blickten die anwesenden Entscheidungsträger des deutschen Fußballs auf Völler. So wurde er Teamchef.

Einen natürlichen Übergang vom Assistenz- zum Cheftrainer kann es nicht mehr geben. So waren einst Schön, Derwall und Vogts ins Amt gerutscht. Das waren keine gestandenen Bundesligatrainer, sondern Eigengewächse des DFB. Mit dieser harmonischen Tradition brachen 1984 die Medien, die Beckenbauer ins Amt hievten. Er war ein Idol ohne Trainer-Lizenz. Eine solche Ausnahme war auch Völler. Auch er bot dem machtbesessenen DFB-Präsidenten, der überhitzten Medienlandschaft und den selbsternannten Experten die Stirn, ehe er nicht mehr die Kraft zur Gegenwehr aufbringen mochte. Das alles ist auch Hitzfeld nicht entgangen. Dessen Berater, Peter Olsson, sagte vor einigen Tagen schon: „Die Presse schafft es tatsächlich noch, dass er es nicht macht.“

Heute reicht es nicht mehr, Erfahrung und Autorität zu besitzen, als anerkannter Fachmann zu gelten und im Auftreten tadellos zu sein. Der neue Bundestrainer muss im höchsten Maß stressresistent und ideal-kompatibel in Sachen Werbung und Medien sein. Dieser Trainer muss die Denkweise der jetzigen Fußball-Generation verstehen. Der DFB aber muss bereit sein, dem neuen Trainer sämtliche Machtbefugnisse einzuräumen. Es darf keinen geben, der dem Bundestrainer in personelle und terminliche Dinge reinredet. Wenn er mehr junge Spieler einsetzen will, muss er das dürfen, gleich, ob es dem gerade zuständigen U-21-Trainer passt oder nicht. Auch die Länderspielplanung muss er neu überdenken dürfen. Wozu dient ein Länderspiel in Teheran, und wer braucht eine Länderspielreise nach Asien mit Spielen in Japan, Südkorea und gegen Thailand? Nur weil Deutschland von dort Stimmen bei der WM-Vergabe erhielt und der DFB sich verpflichtet fühlt? Dafür geht es dem deutschen Fußball zu schlecht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben