Sport : Süchtig nach der Mausefalle

Skirennfahrer Michael Walchhofer findet die Streif zu heftig – und kann ihr trotzdem nicht widerstehen

Frank Bachner
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Der österreichische Weltklasse-Abfahrer Michael Walchhofer hat beim berüchtigten Zielsprung Mühe, das Gleichgewicht zu halten....

BerlinIn drei Metern Höhe hatte Michael Walchhofer „Unterluft“. Es war gefährlich, er war 130 Stundenkilometer schnell, er sprang rund 50 Meter weit, er hatte Probleme, seinen Körper nach vorne zu drücken. Aber der Skirennfahrer Walchhofer konnte mit Mühe einen Sturz vermeiden, am Zielhang der Streif, beim Training zum legendären Hahnenkammrennen in Kitzbühel. Einen Tag später stürzte an dieser Stelle der Schweizer Daniel Albrecht schwer (siehe nebenstehenden Artikel). „Es war ein Fahrfehler“, sagt Michael Walchhofer, „so ein Sturz kann passieren.“

Die Diagnose „Fahrfehler“ macht es ihm leichter, diesen Sturz zu verarbeiten. Es lag also nicht an der Piste, den Zielhang haben sie zuletzt geändert, entschärft. Michael Walchhofer aus Österreich, der Streif-Sieger von 2006, der Abfahrts-Weltmeister von 2003, ist es inzwischen gewohnt, mit den Stürzen anderer zu leben. „Man lernt mit der Zeit, damit umzugehen“, sagt er, „das muss man auch.“ Gestern belegte er beim Super-G in Kitzbühel Rang 15. Den Sieg sicherte sich sein Landsmann Klaus Kröll.

Aber heute bei der Abfahrt (11.30 Uhr, live im ZDF) zählt Walchhofer zu den Favoriten. Es ist die gefährlichste Abfahrt der Welt, er muss darauf vertrauen, dass die Piste nicht völlig unkalkulierbar wird. „Wenn es komplett vereist ist, bedeutet es eine extreme Überwindung, dort runterzufahren.“ Das sagt der Mann, der zweimal den Abfahrts-Weltcup gewonnen hat und momentan die Gesamtwertung in dieser Disziplin anführt. Die Streif führt auch Walchhofer ans Limit.

„Bei der Besichtigung der Strecke setzt das Kribbeln zum ersten Mal ein“, sagt Walchhofer. „Da sieht es meist noch viel wilder und schlimmer aus als später beim Rennen. Jedes Jahr denkt man, wenn man an der Einfahrt des Steilhangs steht, dass es noch steiler ist als im vergangenen Jahr.“ Im vergangenen Jahr, als die Strecke extrem eisig und ruppig war, als sie nicht geglättet wurde, hatte er nach dem Training gesagt: „Das ist keine Abfahrt für Familienväter.“ Walchhofer hat drei Kinder, wenn er nicht trainiert oder fährt, kümmert er sich um sein Hotel am Zauchensee. Am Ende wurde er Dritter, „das war schon zufriedenstellend“.

Vor ihm war Scott Macartney aus den USA schwer gestürzt, mit einem Schädel-Hirn-Trauma war er im Zielhang liegen geblieben. Walchhofer hatte es im Restaurant gesehen, als er auf seinen Start wartete, er hatte noch 20 Minuten Zeit. Er sah den Sturz, er dachte an seine Familie, die im Ziel saß. „Das geht einem schon im Kopf herum, diese Bilder.“ Er wusste, dass seine Frau, seine Kinder diesen Sturz gesehen hatten. Und dass gleich der Papa und der Ehemann über diesen Zielhang rasen würde. „Man muss die Bilder vom Sturz verdrängen“, sagt Walchhofer, „das ist absolut notwendig.“

Vor ein paar Jahren ist er selber gestürzt, im Training an der Steilhangausfahrt. Der Ski hatte einen Riss hinter der Bindung, aber Walchhofer stand auf, schnallte sich beide Ski wieder an und raste weiter. Es waren neue Ski, er wollte sie unbedingt testen. Im Rennen nahm er andere Ski, doch wichtiger war: Wie würde er diesmal die Ausfahrt nehmen? Würde ihn sein Unterbewusstsein bremsen? Von wegen, „ich habe die Passage sensationell gemeistert“. Routine, sagt er.

Es sind die Sekundenbruchteile, in denen er reflexartig alles richtig macht. Aber Walchhofer ist auch einer, der „das Denken nicht abschaltet. Sonst würde es extrem gefährlich.“ Die Strecke vom Start- bis zur Steilhang „muss man extrem gut im Griff haben, weil es da Schlag auf Schlag kommt“. Aber wenn alles vereist ist, „wird eine Strecke unkontrollierbar“. Für die Streif gilt das besonders, zumal es immer wieder Stimmen gibt, die Strecke noch spektakulärer zu machen. „Die Gefahr ist groß, dass die Kitzbüheler denken, jetzt müssen wir die Strecke noch brutaler gestalten und vielleicht einen Sprung verschieben“, sagt Walchhofer. Er hatte auf der Streif „immer wieder das Gefühl: Das ist jetzt zu heftig“.

Aber er rast trotzdem wieder runter, Mausefalle, Steilhang, Traverse, Hausbergkante, er nimmt alles mit. Aus einem einfachen Grund. „Der Reiz, das alles zu bezwingen, was man nicht für möglich hält“, sagt Walchhofer, „ist eine Art Sucht.“

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