Südafrika : Alle halbe Stunde ein Mord

Südafrika will zur WM 2010 die Polizei verdoppeln. Die Wirkung ist fraglich.

Olaf Jansen[Durban],Helmut Schneider[Johannesburg]

Am nächsten Tag schien alles vergessen. Der Mord, der weltweit Schlagzeilen gemacht hatte; die neuen Zweifel an der Austragung der ersten Fußball-WM auf afrikanischem Boden. Die Ermordung des österreichischen Ex-Fußballers Peter Burgstaller ist in Südafrika nur ein weiterer Fall für die Statistik. Obwohl die Bluttat im unmittelbaren Umfeld der pompösen Auslosung der WM-Qualifikation in Durban stattfand, stellte sich am Kap niemand der Öffentlichkeit: nicht der Organisationschef der WM 2010, nicht der zuständige Minister, nicht der oberste Polizeikommissar. Niemand versicherte, dass dieses Verbrechen die Ausnahme sei und alles getan werde, um so etwas künftig zu verhindern. Denn jeder in Südafrika weiß, dass dem nicht so ist. Es wäre schon ein großer Erfolg, wenn der Mörder Burgstallers gefasst wird. Denn die meisten Straftaten in Südafrika bleiben ungesühnt.

Südafrikas Polizei hatte vor der Auslosung noch garantiert, dass kein Gast der Auslosung zu Schaden komme. Der auf einem Golfplatz bei Durban erschossene Burgstaller habe sich nicht innerhalb des gesicherten Bereichs aufgehalten, sagte ein Polizeisprecher am Montag. Die Fußballfunktionäre aus aller Welt reisten jedenfalls mit einem mulmigen Gefühl ab. „Ich glaube, dass die Sicherheit verstärkt werden muss“, sagte WM- 2006-Organisator Franz Beckenbauer, der sich auf dem Flug nach Südafrika noch mit Burgstaller unterhalten hatte und ihm eine Karte für die Auslosung besorgen wollte.

Alle halbe Stunde geschieht ein Mord, alle zehn Minuten eine Vergewaltigung, alle zwei Minuten ein Hauseinbruch und eine schwere Körperverletzung, jede Minute ein Diebstahl. In Südafrika sind die Gangster überall. Nicht aber die Polizei. Erst am Montag wurde im Parlament beklagt, dass Polizeistationen schlecht ausgerüstet sind, zu wenige Fahrzeuge und schusssichere Westen haben, die Zellen verschmutzt und viele Akten verschwunden seien – aus Schlamperei oder wegen Korruption. Oft genug ist die Polizei selbst Opfer der Gewalt: Seit 1994 wurden mehr als 1200 Beamte getötet.

Wenn zur Fußball-WM Hunderttausende Fans aus aller Welt kommen, dürften sie zwar in den Stadien und wohl auch den großen Hotels sicher sein, denn dort wird nach dem offiziellen Sicherheitskonzept die Polizei konzentriert. Wie aber sollen sich die Gäste in ihrer Freizeit verhalten? Denn wer durch die Straßen läuft, um in Bars und Restaurants einen Sieg zu feiern oder eine Niederlage im Alkohol zu ertränken, ist für die Gangster eine leichte Beute. Hier ist das Sicherheitskonzept der Veranstalter bisher lückenhaft. „Man muss sich die Frage stellen, ob die Organisatoren das Kriminalitäts-Problem in unserem Land bis zur WM tatsächlich in den Griff bekommt“, schreibt die südafrikanische Zeitung „Mercury“. Im Blatt „Star“ wurde darauf hingewiesen, dass „5000 zusätzlich aus den Provinzen Gauteng und Mpumalanga nach Durban abgezogene Polizisten die schreckliche Tat nicht verhindern konnten“. Letztendlich habe das dazu geführt, dass in Gauteng und Mpumalanga überproportional viele kriminelle Handlungen registriert worden seien.

Um das Doppelte will Südafrikas Polizeipräsident Jackie Selebi die Sicherheitskräfte bis zur WM 2010 aufstocken. Die WM-Organisatoren um Danny Jordaan betonten zuletzt stets, Südafrika sei nicht gefährlicher als andere Länder, wenn sich die Besucher nur an bestimmte Regeln hielten. Eine dieser Regeln sei, nicht allein in dunkle Straßen zu gehen.

Peter Burgstaller hätte diese Regel nichts genützt. Er wurde heimtückisch von einem Heckenschützen getötet, als er sich auf einem von Sicherheitsdraht umzäunten Golfplatz bewegte. Der Preis für sein Leben: ein Handy.

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