Sport : Südafrika glaubt

Trotz holprig anlaufender Vorbereitungen will das Land bei der WM 2010 ein guter Gastgeber sein

Wolfgang Drechsler

Sicher, die WM in Deutschland sei die beste aller Zeiten gewesen. „Aber wir werden unser Versprechen halten und 2010 die erfolgreichste WM veranstalten“, sagt Thabo Mbeki. Was er damit genau meint, hat Südafrikas Präsident bislang nicht näher erläutert. Der Weg zum Erfolg – in welcher Gestalt auch immer – ist allerdings noch ein weiter. In vier Jahren soll die erste WM-Endrunde in Afrika stattfinden und dem darbenden Kontinent weltweit ein besseres Image verpassen. Vier Jahre, die weit entfernt scheinen und dennoch so unglaublich nah sein können. In den mehr als zwei Jahren seit der Vergabe der WM nach Südafrika ist jedenfalls von den immer wieder beschworenen Fortschritten noch nicht viel zu sehen. Sorgen bereitet vor allem die Infrastruktur, allen voran das marode und oft nur in Ansätzen vorhandene Nahverkehrssystem. Unbehagen verursacht aber auch die zuletzt wieder eskalierte Gewalt. Erst vor zwei Wochen ereignete sich in Johannesburg ein Blutbad bei einer Schießerei zwischen Polizisten und Gangstern, das zwölf Menschen das Leben kostete.

Wer mit den an der Organisation Beteiligten spricht, hört stets das Gleiche: Klar gebe es das eine oder andere Hindernis, aber die Südafrikaner seien zäh und innovativ. Südafrika habe immerhin den Rugby-Worldcup glänzend organisiert und auch die Afrika-Meisterschaft vor zehn Jahren. Allerdings waren beide Veranstaltungen auch einige Nummern kleiner als eine Fußballweltmeisterschaft. Und auch ein Blick in die Medien des Landes oder ein Gespräch mit den Menschen vor Ort nähren die Zweifel an der innovativen Zähigkeit der Südafrikaner. „Viele scheinen sich der Dimension einer Fußballweltmeisterschaft nicht bewusst zu sein. Es ist, als ob wir den Rugby- und Cricket-Worldcup und den UN-Klimagipfel zur gleichen Zeit ausrichten“, warnt der Wirtschaftsfachmann Tony Twine. Für eine Wirtschaft von der Größe Deutschlands, so Twine, sei die WM lediglich ein Pünktchen auf dem Radarschirm. Die deutsche Volkswirtschaft sei rund 40-mal größer als die südafrikanische – und entsprechend mehr müsse sich das Land auch anstrengen. Bislang haben nur zwei Länder eine WM ausgerichtet, die Südafrika in wirtschaftlichen Gesichtspunkten noch unterboten: Uruguay und Chile. Aber das liegt mehr als ein halbes Jahrhundert zurück.

Die Herausforderung für Südafrika ist in jedem Fall enorm. Gleichwohl ist die Regierung über die lauter werdenden Zweifel nicht amüsiert und warnt ihre Bürger ausdrücklich davor, die Fähigkeit des Landes zur Ausrichtung einer WM öffentlich anzuzweifeln „Wir leisten damit nur denen Vorschub, die glauben, Südafrika und Afrika seien per se unfähig, ein solches Großereignis zu organisieren“, sagt Regierungssprecher Joel Netshitenzhe.

Besonders scharf kritisiert Netshitenzhe den Telekommunikationskonzern Sentech und die neue Kapstädter Bürgermeisterin Helen Zille. Sentech hatte es gewagt, auf gravierende Mängel bei der technischen Infrastruktur hinzuweisen, Zille hatte nach einer Prüfung der Finanzlage öffentlich die Frage aufgeworfen, ob sich Kapstadt die mit der Fifa eingegangenen Verpflichtungen überhaupt leisten könne – und die Pläne für das neue Stadion kurzzeitig auf Eis gelegt. Nie wurde dabei aber die Durchführung der WM selber in Frage gestellt.

Dennoch bleiben der genaue Standort des Kapstädter Stadions und seine Finanzierung umstritten. Noch in diesem Monat soll jedoch eine endgültige Entscheidung fallen. Etwas weiter ist man mit den Planungen in dem Küstenort Port Elizabeth, wo ebenso ein neues Stadion entstehen soll wie in Durban und in Kapstadt. Allein für die drei neuen Arenen werden die Kosten aber wohl die Summe übersteigen, die ursprünglich für alle zehn WM-Stadien vorgesehen war. Zille hegt zudem berechtigte Bedenken, dass das zu Jahresbeginn von diversen Stromausfällen geplagte Kapstadt einen ausreichend hohen Elektrizitätsüberschuss als Strompuffer für 2010 erwirtschaften kann, wie die Fifa ihn von allen WM-Standorten verlangt. Die dafür benötigten Kraftwerke lassen sich schließlich nicht über Nacht aus dem Boden stampfen.

Auch bei weiteren, teilweise umstrittenen Großvorhaben ist Südafrika mit den Planungen ins Hintertreffen geraten. Ein milliardenschweres Vorzeigeprojekt, der Bau der 80 Kilometer langen „Gautrain“-Schnellzugtrasse zwischen der Landeshauptstadt Pretoria und dem Industriemoloch Johannesburg und dessen internationalem Flughafen, wird bis 2010 allenfalls zum Teil fertig sein. Brian Bruce, Chef von Südafrikas größtem Baukonzern Murray & Roberts, ließ gerade wissen, dass das Projekt schon wegen der notwendigen Studien zur Umweltverträglichkeit unmöglich in 48 Monaten zu schaffen sei. Auch die Kosten für den Gautrain haben sich mit nun veranschlagten 2,8 Milliarden Euro im Vergleich zu den ursprünglichen Planungen längst verdreifacht. Nicht nur deswegen hinterfragen immer mehr Bürger die Prioritäten der Regierung: Löst der Gautrain wirklich die Transportprobleme der schwarzen Bevölkerung, die überwiegend in den Vorstädten Johannesburgs lebt und wegen der veralteten oder gar nicht existenten Verkehrsmittel täglich stundenlange Anfahrtswege auf sich nehmen muss? Kopfzerbrechen bereitet Brian Bruce, dass Südafrikas Baubranche wegen des gegenwärtigen Immobilienbooms stark ausgelastet ist. Ursprünglich hatte der Weltverband Fifa verlangt, alle Arenen bis Mitte 2008 fertig zu stellen – von dieser Auflage wird man unter diesen Voraussetzungen wohl Abstand nehmen müssen.

Eine lokale Zeitung hat offenbar so wenig Vertrauen in die planerische Stärke des Landes, dass sie folgendes Szenario präsentiert: Angeblich plant die Fifa, Südafrika das Topereignis zu entziehen und an Australien weiterzureichen. Die Fifa selbst hat solche Überlegungen kategorisch als „vollkommen absurd“ zurückgewiesen. „Wir sind fest entschlossen, 2010 am vereinbarten Ort zu einem Erfolg zu machen und hegen keine Ausweichpläne“, sagt Michael Palmer, der das Südafrika-Büro der Fifa in Johannesburg leitet. Die Fifa, das ist die Botschaft, glaubt an Südafrika. Nun muss der Glaube nur noch durch Taten gerechtfertigt werden.

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