Super-Bowl : Bud Spencer macht alles kaputt

Eli Manning zerstört New Englands perfekte Saison und führt die New York Giants zum Super-Bowl-Sieg. Die News England Patriots verpassen den vierten Pokal in sechs Jahren

Christian Hönicke[Phoenix]
Elli Manning
Der Wurf, der die Wende brachte. Elli Manning entscheidet den Super-Bowl 2008 -Foto: dpa

35 Sekunden noch. 35 Sekunden trennen die New England Patriots davon, ihre perfekte Saison ohne Niederlage im Konfettiregen des Stadions in Phoenix bejubeln zu dürfen. Sie führen wie erwartet 14:10 gegen den Außenseiter New York Giants und stehen kurz davor, das erst zweite Team in der Geschichte zu werden, das jedes Spiel der American-Football-Liga NFL vom Saisonstart bis zum Finale gewinnt. 35 Sekunden später füllen Frank Sinatras wohlbekannte Harmonien die Stadionhalle, während New Englands Trainer Bill Belichick mit ausdruckslosem Gesicht vom Feld trottet. „Sie haben gut gespielt“, muss Belichick eingestehen. „Wir hatten gute Aktionen, sie hatten leider ein paar mehr.“

Die entscheidende Aktion hatte Eli Manning beigesteuert. „Es fühlt sich toll an“, sagte der Spielmacher der New York Giants, der eben jene 35 Sekunden vor Schluss mit einem Touchdown-Pass das Spiel zu einem 17:14-Sieg für New York gedreht hatte. „Es war ein tolles Spiel und es ist ein unbeschreibliches Gefühl.“ Sein Gegenüber Tom Brady, der eigentlich für die Rolle des Helden ausersehen war, hatte naturgemäß andere Gefühle. In diesem Jahr hatte sein Team die meisten Punkte der NFL-Geschichte erzielt, diesmal kam es nur auf 14. „Das ist extrem enttäuschend“, sagte Brady. „Normalerweise gewinnen wir solche engen Spiele.“

Schon vom Morgen an hatten zwei riesige Wolken den Tag verdunkelt, der eigentlich Brady und die Patriots hell erstrahlen lassen sollte. Die erste verhinderte vor allem, dass Peter Eisenman glücklich wurde. Der Stararchitekt hatte vor zwei Jahren das University-of-Phoenix-Stadium derart konzipiert, dass die extravagante Konstruktion mit den glitzernden Sonnenstrahlen Pingpong spielen sollte. Doch am nationalen Sportfeiertag, an dem die ganze USA auf sein Bauwerk blickte, ließ sich kein noch so kleiner Botschafter der Sonne blicken, die die Wüstenmetropole Phoenix normalerweise unablässig behelligt.

Die zweite verhinderte, dass die silbernen Helme der Patriots beim Einmarsch ins Stadion so glänzten, wie es eines dreifachen Super-Bowl-Siegers angemessen wäre.Vor dem Finale waren nämlich anonyme Anschuldigungen aufgetaucht, wonach die Patriots vor ihrem ersten Triumph im Jahr 2002 die Trainingseinheiten ihres Gegner ausspioniert haben sollen. Im äußerst taktisch geprägten Football ein kaum zu bemessender und illegaler Vorteil. Bereits zu Beginn der Saison war Coach Bill Belichick wegen ähnlicher Machenschaften bestraft worden.

Die Überraschungsfinalisten dieses Jahres aus New York hatten ihr Training daher vorsichtshalber an einen geheimen Ort verlegt. Offensichtlich mit Erfolg, denn die Patriots hatten sofort nach dem Kick-off große Probleme mit dem Außenseiter. Tatsächlich verlief das Spiel eher so, als würde die Verteidigung der Giants jeden Wurf von Tom Brady bereits auswendig kennen. Sie jagte den Star der Patriots kreuz und quer über das Feld und trieb ihn zu Pässen, die mancher Highschool-Quarterback zielgenauer an den Mann gebracht hätte. Den einzigen Lichtblick, den Brady den knapp 100 Millionen Fernsehzuschauern bis kurz vor Ende des Spiels präsentierte, war seine Freundin, das Model Gisele Bündchen.

Trotz seiner unerklärlich fahrigen Leistung hatte der 30-Jährige sein Team knapp drei Minuten vor Schluss auf die Siegerstraße gelenkt. Die Giants hatten das Spiel zwar dominiert, aber ihre Chancen reihenweise vergeben, und als ein New Yorker Verteidiger ausrutschte, nutzte Brady diesen kurzen Moment zum Touchdown-Pass auf Randy Moss. 14:10, die Patriots schienen ihre perfekte Saison gerade noch gerettet zu haben. Aber die Giants hatten noch ein letztes Wort zu sagen.

Vor allem der sonst nicht gerade als Lautsprecher bekannte Eli Manning lieferte nun Argumente. New Yorks Quarterback, der in der regulären Saison mit 20 abgefangenen Pässen den Negativwert der Liga verantwortet hatte, bewies, dass er bereit für Heldentaten ist. Mit einer Angriffsserie, die in diesem Moment bereits für die Legendenfilme zurechtgeschnitten werden dürfte, trieb er sein Team in etwas mehr als zwei Minuten über das komplette Feld. Höhepunkt war der Spielzug, in dem Manning schon unter diversen gegnerischen Verteidigern begraben schien, nach ein paar Sekunden aber wie Bud Spencer aus der Traube hinausgeschossen kam und den Ball im hohen Bogen über das halbe Feld zu David Tyree schleuderte, der ihn mit einer Hand unter Zuhilfenahme des Helms fing. „Ich konnte mich irgendwie lösen und habe den Ball einfach nach vorn geworfen“, sagte Eli Manning. „Wie ihn David Tyree gefangen hat, war unglaublich.“ Wenige Sekunden später fing auch Plaxico Burress das Lederei in der Endzone und besiegelte eine der größten Überraschungen der Super-Bowl-Geschichte. Im Hause Manning gibt es damit zudem ein potenzielles Streitthema weniger – ein Jahr nach seinem großen Bruder Peyton von den Indianapolis Colts hat Eli nun seine eigene Super- Bowl-Trophäe.

Die New England Patriots dagegen verpassten sowohl den Rekord der Miami Dolphins, die 1972 ungeschlagen den Super-Bowl gewannen, als auch ihren vierten Pokal in sechs Jahren. Bill Belichick fiel nach der Saison, in der er fast alles gewonnen hatte, nur noch Folgendes ein: „Ich bin frustriert.“ 18 Siege sind eben machmal wertlos, wenn 35 Sekunden zum 19. fehlen.

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