Sport : Super-Bowl: Frost im Sunshine State

Ingo Wolff

Eine von ungezählten Super-Bowl-Partys in Tampa. Auf der Bühne spielt eine Rock-Legende der Achtzigerjahre. Hilft alles nichts, die B52s können sich mühen, wie sie wollen, die Stimmung bleibt verhalten. Es ist einfach zu kalt in Tampa. Zu kalt für Florida, den Sunshine State, und vor allem zu kalt für eine ausgelassene Stimmung in den Tagen vor dem Endspiel der amerikanischen Football-Liga NFL. Dabei gehört die Super-Bowl-Woche im Austragungsort ebenso zum Ereignis wie Fritten zu Burger.

Vielleicht liegt es ja nicht nur an den Temperaturen, die nachts an die Frostgrenze gehen, sondern auch an den Fans. Die Anhänger der New York Giants und Baltimore Ravens, die in der Nacht zu Montag (0 Uhr MEZ, live auf Sat 1) um die begehrteste Sporttrophäe der USA streiten werden, gelten in der National Football League (NFL) nicht gerade als die heißblütigsten Fans. Viele reisen sogar erst kurz vor dem Spiel an, bekommen also nur wenig davon mit, was sich die NFL, die Stadt und ihre Einwohner so alles ausgedacht haben. Tampa hatte sich auf eine Festwoche vorbereitet - aber dann kam der Frost.

Vor zehn Jahren fand hier zum ersten Mal die NFL Experience statt. Ein interaktiver Themenpark, in dem jüngere und ältere Fans alles über Football erfahren und ausprobieren, Autogramme ihrer Stars bekommen, Karten und Pins tauschen können. Mehr als 100 000 Menschen hat es in dieser Woche dazu auf den Platz neben dem Stadion gezogen. Neben den obligatorischen Partys, deren geheimer Ort wie das Aquarium durch gigantische Scheinwerfer selbst dem Dümmsten verraten wird, gibt es täglich Freiluftkonzerte meist alternder oder unbekannter Stars - vor allem in Tampas Altstadt, die gleichzeitig Partymeile ist. Auch dort hält sich die Feierstimmung in Grenzen.

Und doch gibt es ein paar Unverdrossene, die den Winter im Sunshine State ignorieren und sich sommerlichen Beschäftigungen widmen. So wurde der Sand Key Beach Schauplatz eines Weltrekordes. Zwei Künstler haben aus Sand die Helme aller NFL-Teams nachgebaut, darunter die beiden Finalistenhelme als größte Sandskulptur der Welt. Höhepunkt der eingefrorenen Super-Bowl-Woche ist das seit 1904 alljährlich stattfindende Gasparilla-Piraten-Festival. Eine bunte Parade durch die Straßen der Stadt, verbunden mit einer gespielten Pirateninvasion vom Wasser aus. "Das ist wie Mardi Gras auf Schiffen", sagt ein Einwohner, wie der Karneval von New Orleans in Florida. Gefeiert wird anschließend in Piratenkostümen bis in die Nacht. So kommt die Stadt wenigstens am Abend vor dem Super Bowl ein wenig in Schwung.

Allein Tampas Geschäftswelt ist mit der Super-Bowl-Woche zufrieden. Ausnahmezustand herrscht im Hotelgewerbe. Seit Wochen ist kein Bett mehr frei, nicht einmal ein Stellpatz auf dem Campingplatz. Alle Radiosender der Stadt werben mit den begehrten Tickets. Selbst die Supermärkte haben aufgerüstet. In einem wurde sogar das Raymond James Stadium nur aus Colaflaschen nachgebaut. Duplikate der Piratengaleere, Wahrzeichen des Stadions, gibt es an jeder Straßenecke zu kaufen. Jedenfalls noch bis Montag. Dann kehrt wieder Ruhe ein im Paradies der Rentner. Und selbst die begehrten Super-Bowl-Souvenirs gibt es dann schon zum halben Preis.

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