Super Bowl : Pfarrer in Football-Trikots

Den New Orleans Saints gehören vor dem Super Bowl am Sonntag die Sympathien, weil sie für das Lebensgefühl einer ganzen Stadt stehen.

Christoph Leischwitz
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Bleib mir fern. Im Halbfinale gegen die Minnesota Vikings setzten sich die New Orleans Saints (hier Kickreturner Courtney Roby,...X90051

Berlin - Der 25. September 2006 ist einer der glücklichsten Tage in der Geschichte der Stadt New Orleans. An jenem Montagabend wurde die Wiedereröffnung des Superdome gefeiert, in dem 13 Monate vorher 30 000 Menschen Zuflucht gesucht, gehungert und verzweifelt nach Verwandten gesucht hatten. Das überdachte Stadion war zum Symbol der Zerstörung der Stadt durch Hurrikan „Katrina“ geworden. Doch an jenem Abend wurde es zum Symbol der Auferstehung. Green Day und U2 sangen gemeinsam „The Saints are coming“ – und dann kamen die Heiligen aufs Feld. Die Footballer der Saints gewannen ihr erstes Heimspiel nach zwei Jahren Heimatlosigkeit, in denen sie von Gerüchten verfolgt wurden, der Verein würde an eine andere Stadt verkauft werden. Spätestens seit diesem Tag ist die Geschichte der Mannschaft unweigerlich mit der Geschichte der Stadt verbunden.

Mehr als drei Jahre später, am vorvergangenen Sonntag, geschah erneut etwas Undenkbares: Die Saints, über die Jahrzehnte eines der schlechtesten Teams der National Football League (NFL), gewannen in ihrem Superdome das dramatische Halbfinale gegen die Minnesota Vikings mit 31:28 in der Verlängerung – und zogen zum ersten Mal in den Super Bowl ein. In der 44. Auflage des NFL-Endspiels treffen die Saints am Sonntag in Miami auf die Indianapolis Colts (Kickoff Montagmorgen, 0.28 Uhr MEZ, ARD), und man tut sich schwer, angesichts der Vorgeschichte den New Orleans Saints nicht einen Sieg zu gönnen.

Footballspiele der Saints waren schon immer ein Forum für gespielte wie ernst gemeinte Südstaaten-Mentalität. Jetzt erwarten die Stadt und der ganze Staat Louisiana jedoch nicht weniger als göttlichen Beistand für die Mannschaft, die am Allerheiligentag 1966 gegründet wurde. Die Saints sind im eher marktwirtschaftlich orientierten US-Sport mit seinen ständigen Standortwechseln zum Aushängeschild für eine ganze Stadt geworden wie sonst höchstens noch die Packers in Green Bay. Weshalb es auch niemanden überraschte, als der Pfarrer der St.-John- Kirche im Stadtteil Metairie bei seiner Predigt am Sonntag ein Saints-Trikot trug.

Doch so sehr die Saints auch mithilfe der überdurchschnittlichen Begeisterung ihrer Fans ins Finale getragen wurden – hinter diesem Erfolg steckt vor allem harte Arbeit des Trainers Sean Peyton und eine große Portion Vertrauen in einen Quarterback, der bei den San Diego Chargers 2006 ausgemustert worden war. Mittlerweile ist der 31-jährige Drew Brees so etwas wie der Schutzheilige der Stadt geworden. Er zog nach dem Hurrikan bewusst in eines der zerstörtesten Stadtviertel, und er gründete eine Stiftung für den Wiederaufbau, die bis jetzt über zwei Millionen Dollar gesammelt hat. Auf dem Feld zeigte sich Brees in der nun abgelaufenen Saison auf dem Zenit seine Könnens. Er warf die meisten Touchdown-Pässe aller Quarterbacks, 34 nämlich. Was aber auch daran liegt, dass Brees ungewöhnlich viele gefährliche Passempfänger zur Verfügung hat, und gleichzeitig von den schweren Männern seiner Offensiv Line gut geschützt wird.

Trainer Peyton gilt außerdem als einer der besten „Play-Caller“ der Liga. Er versteht es, meist den richtigen Spielzug zur richtigen Zeit anzuordnen – einen, mit dem der Gegner selten rechnet. Das macht das Spiel der Saints spektakulär und hilft womöglich auch, in Deutschland eine lange Nacht ohne schwere Augen durchzustehen. Erwartet wird gegen die angriffsstarken Colts auf jeden Fall ein offensivlastiges Spiel mit vielen Punkten und einer knappen Entscheidung. Im Halbfinale trug aber auch endlich einmal eine starke Abwehr zum Saints-Sieg bei, die dem Vikings-Quarterback Brett Favre ernsthafte Schmerzen bereitete und den Gegner zu fünf Ballverlusten zwang.

Trotzdem gilt New Orleans nicht als Favorit. Denn die Indianapolis Colts gelten als das reifere Team, das seine Taktik meisterhaft dem Gegner anpasst, anstatt Hauruck-Football zu spielen. Quarterback Peyton Manning führte das Team außerdem schon vor drei Jahren zum Super- Bowl-Sieg. Geboren wurde er übrigens in New Orleans – sein Vater Archie war Quarterback der Saints.

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