Superbowl : New Orleans - Stadt des Stolzes

Der Sieg der Saints im Superbowl steht symbolisch für New Orleans: Nach Hurrikan Katrina gab niemand auf.

Sebastian Moll[New York]
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Ein wahrhaft erhebender Moment: Die ganze Mannschaft stemmt Trainer Sean Payton auf die Schultern und die Spieler tragen ihn johlend über das Feld des Stadions von Miami, wo der Konfettiregen schon so dicht ist, dass man die Hand nicht mehr vor Augen sehen kann. Die 76 000 Zuschauer – auch die, die als Fans des Finalgegners Indianapolis Colts gekommen waren – feiern die New Orleans Saints, die gerade mit 31:17 den Superbowl gewonnen haben. Drew Brees, der Quarterback des neuen Champions, der Star und Kopf des Teams, steht hingegen allein an der Seitenlinie. Brees hat seinen kleinen Sohn auf den Arm genommen und starrt in den sternklaren Nachthimmel von Florida. Er will diesen Moment still auf sich wirken lassen, den größten seiner Karriere. Als dem 95 Kilogramm schweren Athleten bewusst wird, was da gerade passiert ist, laufen ihm dicke Tränen das Gesicht herunter. Denn gerade passiert ist die Vollendung eines unglaublichen Sportmärchens, das ganz Amerika in seinen Bann zieht. Und vor allem natürlich New Orleans, die geschundene Stadt.

Kurze Zeit später, als Brees auf die Bühne tritt und die Trophäe in der Hand hält, versucht er auszusprechen, was in ihm vorgeht. „Wir haben heute und die letzten vier Jahre für so viel mehr gespielt als für uns selbst“, sagt er, noch immer überwältigt. „Wir haben für die Stadt New Orleans gespielt.“ Der Superbowl im Nationalsport American Football ist für New Orleans nicht bloß ein Titel. Er ist ein Symbol. „Wir haben der Welt gezeigt, dass New Orleans wieder da ist“, sagt danach Team-Besitzer Tom Benson. Der 82-Jährige hatte 1985 die Mannschaft gekauft und mit ihr am Sonntag den ersten Titel in 44 Jahren meist erfolgloser Vereinsgeschichte an den Mississippi geholt. Für eine Stadt, die noch immer mit den Folgen von Hurrikan Katrina zu kämpfen hat und in der noch immer ganze Viertel verwüstet sind, Tausende in Wohnwagen leben, in der es noch immer Armut, zu wenig Arbeit und eine ungewisse Zukunft gibt, ist der Superbowl ein ungeheurer Schub an Moral und Selbstbewusstsein.

Selbst US-Präsident Barack Obama hatte vor dem Spiel betont, dass er die Colts zwar favorisiere, die Saints jedoch sehr möge, „weil New Orleans seit Katrina eine harte Zeit erlebt hat“. Nun gilt der Klub in Zeiten der Weltwirtschaftskrise als Mutmacher für ganz Amerika. „Wir haben jetzt etwas, womit wir der Welt sagen können – ‚Hey, schaut her, wir sind nicht alle Verlierer, wir haben etwas, worauf wir wirklich stolz sein können“, sagte Jerry Romig, der langjährige Stadionmoderator im Superdome – jener Arena, die als Flüchtlingszuflucht vor vier Jahren ein Symbol der Katastrophe war.

Der Erfolg der Saints ist umso erstaunlicher, als das Team so wie die ganze Stadt 2005 vor dem Nichts stand. Es gab kein Stadion mehr, keine Zuschauer, kein Geld. Besitzer Benson wollte schon nach Texas umziehen, doch die Region und die Liga überzeugten ihn, doch zu bleiben. Benson holte mit Sean Payton einen jungen Mann als Cheftrainer, der bisher nur als Assistent gearbeitet hatte und deshalb deutlich billiger war als die Konkurrenz. Payton heuerte seinerseits aus ähnlichen Gründen Drew Brees an, der wegen einer angeschlagenen Schulter in San Diego ausgemustert worden war. Das Duo sah nicht gerade aus wie der Kern eines künftigen Champions. Und doch kämpften sich die Underdogs zum besten Team der Liga hoch. „Wir haben aufeinander vertraut und uns gesagt, wir bauen gemeinsam diese Mannschaft auf“, sagte Brees am Sonntagabend. Der Geist der Saints übertrug sich auf die ganze Stadt. Brees und Payton, die sich auch außerhalb des Footballfeldes nach Kräften für ihre Stadt engagieren, wurden zu Volkshelden. „Brees und Payton haben hier Berge versetzt“, sagte Owen Brennan, Vorsitzender des Karnevalsvereins Bacchus und damit einer Institution in der Stadt. Deshalb werden die beiden bei der legendären Mardi Gras Parade in drei Wochen auch ganz vorne auf dem ersten Wagen sitzen.

Die Euphorie am Mississippi wurde noch durch die Tatsache gesteigert, dass der zweite Held des Abends neben Brees mit seinen beiden Touchdown-Pässen ein Junge aus Louisiana war. Tracy Porter, nur 80 Kilometer außerhalb von New Orleans aufgewachsen, fing im letzten Viertel einen Pass von Colts-Quarterback Peyton Manning ab, der noch am Sonntag vor dem Spiel in den US-Zeitungen als größter Quarterback aller Zeiten gelobt worden war. Porter marschierte mit dem Ball 74 Yards weit und brachte die Saints gut drei Minuten vor Schluss praktisch uneinholbar 30:17 in Führung. Schon im Halbfinale war dem Cornerback ein ähnliches Kunststück gelungen. Der Touchdown von Porter war die Vollendung eines grandiosen Comebacks.

Welch ein Spiel: Die hochfavorisierten Colts waren im ersten Viertel rasch 10:0 in Führung gegangen. Doch die Saints ließen sich nicht unterkriegen, so wie New Orleans sich eben nicht unterkriegen lässt. „Es gibt keine Stadt, die sich je so aus der Ecke herausgekämpft hat wie diese“, sagte am Sonntagabend der New Orleaner Schriftsteller Tom Piazza am Telefon aus seiner Wohnung im French Quarter. „Danke, Saints“, sagte er noch. Dann ging er auf die Straße, um die Nacht durchzufeiern. Und auch noch den ganzen Montag.

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