Sport : Superstar für ein Rennen

Zsolt Baumgartner fährt in der Formel 1 hinterher. Nur beim Rennen in Ungarn steht er im Mittelpunkt

Karin Sturm[Budapest]

Hungaroring, Eingang zum Fahrerlager: Eine große Menschenansammlung bildet sich um einen Mann, der gerade an der Strecke angekommen ist. Das ist eigentlich nichts Ungewöhnliches, auf nahezu jeder Formel-1-Rennstrecke werden Michael Schumacher, Kimi Räikkönen und inzwischen auch der neue Star Jenson Button auf diese Weise empfangen. Doch gestern galt das Interesse der Autogrammjäger einem Fahrer, der normalerweise vollkommen unbemerkt die Menschenmassen am Eingang passiert: Zsolt Baumgartner.

Der 23-jährige Ungar ist seit dieser Saison Stammpilot des Rennstalls Minardi. In dessen Auto bewegt er sich meist am Ende des Feldes und steht selten im Rampenlicht. Nur hier in seinem Heimatland, da ist er der absolute Superstar. Er wird gefeiert und bedrängt, wo immer er sich zeigt. „Das ist natürlich ein schönes Gefühl“, sagt Baumgartner, „aber andererseits ist es hier manchmal so extrem, dass es mir wirklich schon fast zu viel wird.“

Trotzdem ist die langsame Strecke in der Nähe von Budapest im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen sein Lieblingskurs. Hier feierte er vergangenes Jahr sein Renndebüt, als er für den verletzten Jordan-Stammpiloten Ralph Firman einsprang. „Das war ein einmaliges Erlebnis, die Erfüllung meines ersten Traums“, sagt Baumgartner. „Den zweiten habe ich mir in diesem Jahr erfüllt.“ Und zwar beim Rennen in Indianapolis, wo er bei chaotischen Umständen den ersten WM-Punkt seiner Karriere holte. „Sogar Michael Schumacher und David Coulthard haben mir da gratuliert. Ich habe mich geehrt gefühlt“, erzählt er lächelnd. Er weiß, dass es eines seiner wenigen Erfolgserlebnisse in der Formel 1 bleiben wird.

Zsolt Baumgartner ist wohlerzogen und intelligent, beherrscht neben Ungarisch auch Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch fließend, doch er hat nicht das Talent, es in der Formel 1 zu einem Spitzenfahrer zu bringen. Natürlich sieht er im langsamen Minardi zwangsläufig noch schlechter aus, als er vielleicht in Wirklichkeit ist. Und immerhin stand er in der Startaufstellung schon fünfmal vor seinem höher eingeschätzten Teamkollegen Gianmaria Bruni. Dass er seine Karriere trotzdem vor allem dem Geld seines Vaters verdankt, gibt er relativ offen zu. Attila Baumgartner ist der größte Renault-Autohändler in Ungarn und hat von Anfang an sehr viel in die Karriere seines Sohnes investiert. Ehemalige Weggefährten bescheinigen dem Vater in jedem Fall einen noch größeren Erfolgshunger als seinem Sohn. Er habe sich überall eingemischt und immer wieder Benachteiligung gewittert, wenn Zsolt langsamer war als sein Teamkollege.

Angeblich 250 000 Dollar soll Attila Baumgartner gezahlt haben, damit sein Sohn während des Rennwochenendes im Jahr 2002 auf dem Hungaroring ein paar Proberunden in einem Jordan drehen durfte. Die Kontakte – und einige weitere Zahlungen – machten sich ein Jahr später bezahlt.

Einen Aufstieg in ein besseres Team wird sich sein Vater aber kaum leisten können. Schon bei Jordan, dem zweitschlechtesten Rennstall, ist ein Platz im Auto deutlich teurer. Das scheint Zsolt Baumgartner nicht sonderlich zu frustrieren. Als erster Ungar in der Formel 1 zu fahren, „das bedeutet mir und auch meinen Landsleuten schon sehr, sehr viel“. Allerdings würde er es zumindest beim Großen Preis am Sonntag gern vermeiden, dass ihn Michael Schumacher wie bei den meisten anderen Rennen dreimal überrundet. „Es ist gar nicht so einfach, ihn nicht zu behindern. Außerdem stört es sehr stark den eigenen Rhythmus.“ Und der ist ohnehin schwer zu finden in einem drei Jahre alten Minardi. Trotzdem hofft Baumgartner, dass das nahezu unberechenbare Gefährt auch im nächsten Jahr noch fahren darf, „denn das ist mein dritter Traum“. Wie der vierte Traum aussieht, verrät Zsolt Baumgartner momentan noch nicht.

Großer Preis von Ungarn

START 14 Uhr (live bei RTL/Premiere)

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