Sport : Surreale Komödie

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Von Vincenzo Delle Donne

Undine. Die Tifosi von Juventus Turin jubelten. Zum 26. Mal war ihre Mannschaft Italienischer Fußball-Meister geworden. Bei den „Interisti“ begann dagegen das Wehklagen. Inter Mailand hatte es unter Trainer Hector Cuper nicht geschafft, am letzten Spieltag die Tabellenführung der Serie A über die letzten 90 Minuten zu retten. Im siebenten Jahr seiner Präsidentschaft und nach Investitionen von über 500 Millionen Euro steht Präsident Massimo Moratti erneut mit leeren Händen da.

Dabei waren die Vorzeichen für die Mailänder günstig wie nie. Selbst die Fans vom Gegner Lazio Rom schwenkten um, unterstützten in einer „surrealen Komödie“ ( „Gazzetta dello Sport“) die Spieler von Inter. Umso größer war nachher die Trauergemeinde. Auf dem Rasen brach Ronaldo nach dem Abpfiff in Tränen aus, betretene Mienen beherrschten die Gesichter von Christian Vieri & Co. Inter-Präsident Massimo Moratti harrte minutenlang schweigend auf der Ehrentribüne aus. Er und sein Kompagnon Marco Tronchetti Provera, der Pirelli-Boss, der gleichfalls Anteile am Mailänder Traditionsklub hält, blickten konsterniert drein. Kaum jemand hatte diesen Ausgang der Meisterschaft für möglich gehalten. Durch die 2:4-Niederlage bei der zudem noch ersatzgeschwächten Lazio-Elf verspielte Inter nicht nur die sicher geglaubte Meisterschaft, sondern auch noch den zweiten Tabellenplatz, den sich Vorjahresmeister AS Rom eroberte. Die Römer gewannen 1:0 beim AC Turin. „Wir haben die Punkte leichtfertig verspielt“, meinte Inter-Chef Moratti.

Bis kurz vor der Pause führte Inter noch mit 2:1. Alles schien im Lot. Nach einem schweren Abwehrpatzer von Gresko erzielte aber Poborsky den Ausgleich. Simeone und Inzaghi machten dann nach der Pause den Lazio-Sieg perfekt. „Lazios Spieler haben auf dem Feld bewiesen, dass alles mit rechten Dingen zuging“, kommentierte Moratti und ließ anklingen, dass dies in der Partie von Udinese gegen Juventus Turin möglicherweise nicht der Fall gewesen ist. Aus Angst vor möglichen Schiebereien hatte der Verband drei Inspektoren auf die Plätze geschickt, in denen die Meisterschaft entschieden wurde. In ihrem Bericht sollen aber keine besonderen Vorkommnisse vermerkt worden sein.

Die Chronik von Juves Auswärtssieg gegen Udinese verlief in der Tat unspektakulär, Romas Präsident Franco Sensi hatte gar einen „Spaziergang“ der „alten Dame Juve“ prognostiziert. Der Franzose David Trézeguet brachte den Rekordmeister mit 1:0 in Führung, nach neun Minuten erzielte Alessandro Del Piero bereits den 2:0-Endstand. Der Rest fiel unter die Rubrik „freundschaftliches Ballgeschiebe". Trotzdem strahlte Juve-Trainer Marcello Lippi hinterher: „Es ist der schönste Meistertitel meiner Karriere.“ Der 54-Jährige hatte zuvor mit Juve schon drei Meistertitel gewonnen. Der Meistertrainer hatte mit Inter Mailand in den letzten Jahren kläglich versagt. Es ist aber gar nicht lange her, da wurde auch bei Juventus Turin öffentlich über einen Nachfolger spekuliert, und zwar zu einem Zeitpunkt, als die Turiner mit einem Sechs-Punkte-Rückstand auf Inter Mailand fast schon abgeschlagen zu sein schienen.

Der italienische Rekordmeister, Lieblingsspielzeug der Agnelli-Familie, hat mit dem Titelgewinn auch Zinedine Zidanes Weggang verschmerzt. In dessen Fußstapfen ist nun sein Landsmann Trézeguet getreten. Der 24-jährige französische Nationalstürmer wurde mit 24 Treffern auch Torschützenkönig der Serie A. Mit dem für ihn typischen Understatement zollte das Oberhaupt der Agnelli-Familie, Gianni Agnelli, der Mannschaft Anerkennung. „Danke, Juventus!“ lautete Agnellis einziger Kommentar. Tröstlich ist für ihn, dass er mit El Saadi Ghaddafi, Sohn des libyschen Revolutionsführers, einen finanziell potenten Teilhaber gefunden hat, um Juve auf Erfolgskurs zu halten.

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