Sport : SV Babelsberg 03: Eine schrecklich bescheidene Familie

Robert Ide

Schon vor dem Anpfiff waren die Babelsberger Fußballer ihrer Zeit voraus. Kurz vor dem letzten Auftritt des SV Babelsberg 03 in der Regionalliga Nord zeigte der kleine Zeiger der Stadionuhr auf die Ziffer drei. Doch es war nicht 15 Uhr, als am Samstag im Karl-Liebknecht-Stadion das Aufstiegsspiel gegen Fortuna Düsseldorf angepfiffen wurde. Es war erst 14 Uhr. Die vorgerückte Stunde sollte ein gutes Zeichen sein, nach dem Spiel war Babelsbergs sensationeller Aufstieg in die Zweite Bundesliga perfekt. Und dort werden die Spiele bekanntlich eine Stunde später angepfiffen.

Lange hatten neben der Uhr zwei gelbe Nullen geleuchtet. Der angezeigte Spielstand symbolisierte die Nervosität, mit denen beide Mannschaften in das Saisonfinale gegangen waren. Erst drei Minuten vor Schluss erlöst Martino Gatti die 14 700 Zuschauer mit dem entscheidenden Treffer. Kurz darauf stürmen die Fans den Rasen, in der Spielerkabine fließt der Champagner, auf der Ehrentribüne stecken sich Männer in Anzügen Zigarren an. Eine Aufstiegsparty mit Freibier und Samba-Tänzerinnen beginnt. Der verträumte Babelsberger Dorfanger verwandelt sich in eine Festmeile. Jugendliche mit blau-weißen Fahnen säumen die schmale Straße, alte Männer treten mit staunenden Augen vor die Türen ihrer Häuser. Und alle führen die Worte im Mund, die Potsdams Oberbürgermeister Matthias Platzeck den Jubelnden zuruft: "Das ist ein Wunder!"

Wie konnte das passieren? Warum wurde ein Team zum Aufsteiger, das ohne Stars in die Saison gegangen war und nur halb so viel Geld hatte wie die nun abgestiegenen Düsseldorfer? "Wir sind eben eine Familie", sagt Präsident Detlef Kaminski, "wir brauchen keine Stars." Eine Mannschaft, in der keiner für sich spielt, sondern alle für die anderen - das ist das Phänomen Babelsberg 03. "Wir brauchen nicht 10 oder 15 Millionen, um aufzusteigen", erzählt Kaminski und fährt sich durch die sektverklebten Haare. Anfang der Saison hatte man ihn für einen Phantasten gehalten, weil er als Einziger vom Aufstieg gesprochen hatte. Nun steht er neben einer Schubkarre voller Champagnerflaschen und genießt das Bad in der Menge.

"Hätte ich das gewusst, wäre ich vielleicht hier geblieben", sagt Marco Küntzel leise. Er ist der einzige Spieler, der inmitten des Jubels eine Träne verdrückt. Der 25-Jährige frühere Unioner, der 15 Tore zum Babelsberger Aufstieg beigesteuert hat, wechselt zum Erstligisten Borussia Mönchengladbach. "Da werden noch einige Tränen fließen", sagt Künzel. Solche Sätze gefallen dem russischen Trainer Herman Andrejew. Er hat den Aufstieg mit bescheidenen Spielern bewerkstelligt, die sich schnell den Ball zuspielen können, anstatt sich eigensinnig in der Abwehr des Gegners festzudribbeln. Von den Fans wird der Erfolgscoach mit russischen Transparenten gefeiert. "Herman Molodez" steht mit kyrillischen Buchstaben darauf - "Prachtkerl" heißt das auf deutsch. Doch der introvertierte Moskauer will gar kein Held sein. "Ich bin nicht der Vater des Erfolgs", sagt Andrejew, "höchstens ein Bruder." So redet einer, dem die Familie über alles geht.

Andrejew wird sich auch in der kommenden Saison für sein Team aufopfern. Zunächst muss der Coach noch einmal die Schulbank drücken. Der DFB erkennt seine russische Trainerlizenz nicht an. Nun wird Andrejew den Lehrgang für einen deutschen Schein nachholen, bis dahin wird Kotrainer Ingo Nachtigall die Mannschaft betreuen.

Für die neue Saison setzt das Trainergespann wieder auf Nachwuchs. Mit dem serbischen Stürmer Vladan Milanovic und dem Berliner Mittelfeldspieler Martin Neumann von den Reinickendorfer Füchsen kommen junge Spieler nach Babelsberg. Zudem verjüngen mit Christian Henning (23), Thomas Möller (24) und Lars Kampf (22) drei Amateure von Hansa Rostock den Kader. Damit werden die Babelsberger mehr und mehr zu einer Rostocker Filiale. Publikumsliebling Slawomir Chalaskiewicz ist einer von sechs ehemaligen Hansa-Profis in Babelsberg. Der Pole wollte eigentlich nach seiner zweiten Saison in der Regionalliga seine Laufbahn beenden. Nun ist er aufgestiegen und sagt: "Ich spiele noch, solange es geht."

Das Ziel für die Babelsberger in der zweiten Spielklasse ist der Klassenerhalt. Der Verein, der vor zehn Jahren fast aus der Bezirksliga abgestiegen wäre, bleibt bescheiden. Sechs Aufstiege in einem Jahrzehnt hat man nun hinter sich - doch den Größenwahn will man anderen überlassen. Da passt es gut ins Bild, dass die Flutlichtmasten für die neue Saison nicht auffallen werden. Die 38 Meter hohen Leuchttürme können nach jedem Spiel auf halber Höhe eingeknickt werden. Der Blick auf das Potsdamer Weltkulturerbe bleibt damit ungetrübt, die Masten verschwinden hinter den Bäumen. Der SV Babelsbrg 03 bleibt unauffällig. Sonst kommt womöglich noch ein Fußballstar, der das Familienklima verdirbt.

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