Sport : Sven Beuckert: Treffen mit der Vergangenheit

Wolfram Göschel

Man sieht ihn nicht, er ist am Telefon, aber kann es erahnen: dieses Lächeln, dieses offene Gesicht. Man muss nur hören, wie er diese Worte sagt. WMK Aktivist Ölsnitz. Er sagt sie betont langsam, er hebt die einzelnen Silben hervor, damit jeder die Ironie hört. Oder auch diesen Schuss Sentimentalität. WMK Aktivist Ölsnitz, was für ein Name. Wenn Sven Beuckert ihn sagt, dann klingt er fast poetisch. Und doch zugleich wie etwas Seltsames, etwas das mit Vergangenheit und Verklärung und zugleich ironischer Distanz zu tun hat. WMK Aktivist Ölsnitz. Natürlich ein Name aus der DDR. Aktivist, das ist typisch Arbeiter- und Bauern-Staat-Philosophie. Für Beuckert ist der Name aber vor allem sportliche Heimat. Dort hat Beuckert begonnen, fußballzuspielen. In einem Flecken im Erzgebirge. Nun ist die Mauer längst gefallen, die DDR verblichen, und der Torhüter Beuckert spielt jetzt für den 1. FC Union.

Vorläufige Endstation einer typischen DDR-Sporterlaufbahn. Trainingszentrum Fußball in Stolberg, als er noch ein halbes Kind ist. In Stolberg wohnt die Familie Beuckert. Beuckert steht im Tor, überzeugt mit beachtlichen Leistungen, wird weiter delegiert und landet mit 15 zum ersten Mal im Tor der Jugendmannschaft des DDR-Oberligisten BSG Wismut Aue. Das war 1988, und die Delegierung war damit abgeschlossen. Das hat damit zu tun, dass die DDR ein paar Monate später nur noch ein staatspolitischer Trümmerhaufen war, das hat aber auch damit zu tun, dass Beuckert bei Wismut Aue enorme Nestwärme fand. Zwölf Jahre spielte er in der Idylle des Erzgebirges, erlebte mit, dass aus Wismut Aue der FC Erzgebirge Aue wurde und verfolgte die Wandlung eines Staatswesens in der Abgeschiedenheit. Am Sonnabend trifft er wieder auf die Vergangenheit. Am Sonnabend spielt Union gegen Aue (14 Uhr, Alte Försterei). Aue kommt als Tabellenführer der Regionalliga Nord.

Aue, die Vergangenheit. Denn irgendwann ist die Nestwärme nicht mehr warm genug, irgendwann will auch ein bodenständiger Typ etwas Neues sehen, und nach zwölf Jahren ist das nicht zu früh. "Ich musste einfach mal weg und etwas anderes kennenlernen", sagt Beuckert, und er sagt es so, dass klar ist, dass die Nestwärme entschieden nicht mehr warm genug war. Er ging nach Berlin, und die Fans in Aue reagierten erstmal darauf wie Leute, die gerade einen Termin beim Zahnarzt erhielten. "Die waren erst nicht begeistert, aber wir gingen dann doch im Guten auseinander", sagt er.

Er kam ins ruppige Berlin, vor ein paar Monaten, und weil er sich auf diese Ruppigkeit einstellte, machte er erstmal große Augen. Die Fans mochten ihn, und Beuckert sagt: "Das hatte ich mir sehr viel schwerer vorgestellt. "Beuckert" schreien sie in der Alten Försterei besonders laut, wenn der Stadionsprecher den Union-Keeper ankündigt. Das war vor einem Jahr ein bisschen anders, weil da Kay Wehner im Tor stand und Oskar Kosche nicht mehr. Kosche war beliebt, mit Wehner wurde man nicht warm. Doch Wehner ist jetzt die Nummer zwei hinter Beuckert. "Ich freue mich auf Sonnabend", sagt der Torwart. Stärker als in der vergangenen Saison sei Aue nicht. "Aber mannschaftlich sehr geschlossen. Trotzdem werden wir gewinnen." Müssen sie auch; Beuckert will ja höherklassig spielen. "Mein Ziel ist die Erste Bundesliga. Ich habe ja nicht ohne Grund bei Union für drei Jahre unterschrieben." Er lächelt wieder. Aber diesmal ist es nicht ironisch. Das mit dem Aufstieg, das meint er verdammt ernst.

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