Sven Hannawald im Interview : "Besser als ein Himmelsstürmer"

Sven Hannawald spricht im Tagesspiegel-Interview über die deutschen Skispringer, die Mixed-Wettbewerbe und das Frauen-Skispringen.

Sven Hannawald, 38, hier beim Klettern am Schluchseestaudamm im Schwarzwald, löste um die Jahrtausendwende gemeinsam mit Martin Schmitt einen Skisprung-Boom in Deutschland aus. Bei der Vierschanzentournee 2001/2002 gelang ihm als bislang einzigem Springer der Sieg in allen vier Springen.
Sven Hannawald, 38, hier beim Klettern am Schluchseestaudamm im Schwarzwald, löste um die Jahrtausendwende gemeinsam mit Martin...Foto: dpa

Sven Hannawald, die deutschen Skispringer haben trotz neuerlich starker Teamleistung auch im zweiten Einzelspringen der Weltmeisterschaft in Val di Fiemme die Medaillen verpasst. Warum sind die Deutschen mittendrin in der Weltelite, aber nicht auf dem Podest?

Jeder weiß, dass sie das Zeug für eine Medaille haben. Das Potenzial ist ganz locker da. Sowohl Severin Freund als auch Richard Freitag können in jedem Wettkampf aufs Podest springen. Das haben sie mit ihren Siegen im Weltcup ja gezeigt. Aber ganz offenbar sind sie bei Großereignissen noch nicht so weit.

Also ist das aus Ihrer Sicht ein nervliches Problem?

Es gibt da dieses Problem bei der Weltmeisterschaft: Du wirst am Ende an Medaillen gemessen. Sie machen sich vielleicht zu viele Gedanken und blockieren sich minimal. Wenn du kleine Fehler machst, ist kein Fluss mehr da – und bumm bist du aus den Medaillenplätzen raus. Vielleicht denkt ja auch Richard Freitag: Wenn ich vor der WM in Oberstdorf gewinnen kann, kann ich auch eine Medaille holen. Und schon machst du dir Druck. Sie haben ja oft Training und Qualifikationen dominiert. Mir wäre es lieber, wenn sie im Training schlecht springen. Das ist ein Kopfproblem.

Kann man das aus Ihrer Erfahrung irgendwie lernen, dass man genau im richtigen Moment da ist?

Ich bin auch früher im Wettkampf schlecht gesprungen. Dann habe ich gelernt, dass man sich nur auf sich konzentrieren muss – und dann hat es gepasst. Ich bin sicher, dass sie das auch hinkriegen werden. Werner Schuster hat Recht. Er hat gesagt, dass die Leistungen lieber langsam wachsen, auf einer breiten Basis. Das ist besser als ein Himmelsstürmer. Deshalb glaub’ ich auch, dass sie beim Teamspringen am Samstag eine Medaille holen.

Von den bisher in der Breite starken Ergebnissen sollte heute (16.20 Uhr, live ARD) ja sogar die erste Goldmedaille seit zwölf Jahren möglich sein. Damals waren Sie ja selbst noch dabei.

Genau, das ist lange her. Von den Leistungen ist alles möglich, auch Gold. Eine Medaille wäre Balsam auf die Seele und würde die WM verschönern. Es geht bergauf im deutschen Skispringen, aber jeder weiß auch, dass bis Olympia noch viel Arbeit bleibt.

Gilt das auch für die Bedeutung des Nordischen Skisports? Im Gegensatz zu ihrer Zeit scheint die WM in der deutschen Öffentlichkeit viel weniger wichtig zu sein.

Zu unserer Zeit war es ein richtiger Boom, jetzt rutscht es nach hinten. Einen großen Unterschied zwischen einem Weltcup-Wochenende und der WM ist nicht spürbar. Andere Sportarten haben das Skispringen überholt. Im Biathlon gibt es zum Beispiel Miriam Gössner, die ja jetzt auch bei der Nordischen WM dabei war. Das war in der Öffentlichkeit sofort ein großes Thema. Sie ist interessant: Die gewinnt mal, dann ballert sie zehn Schuss daneben. Sie zieht die Blicke auf sich und ist nicht so eintönig.

Also fehlt es dem Skispringen auch an Typen?

Hannawald: Anscheinend ja.

Vielleicht bringen ja die Frauen, die nächstes Jahr in Sotschi ihre Olympia-Premiere feiern, frischen Wind in die Szene.

Das Frauen-Skispringen hat sich sehr gut entwickelt, das kann man sich richtig gut anschauen. Da hat sich seit unserer Zeit einiges getan. Die Japanerin Takanashi hat einen Flugstil – mein lieber Mann. Da ist wirklich Frauendynamik drin. Aber ich hoffe, dass beides weiter parallel abläuft und die Frauen nicht wichtiger als die Männer werden. Die Frauen können von der Flugleistung nicht besser als die Männer sein – das geht genetisch schon nicht.

Wie fanden Sie die WM-Premiere des Mixed-Wettbewerbs in Predazzo?

Super. Da haben sie wirklich was gefunden, was interessant ist. Die eine Nation hat gute Frauen, die andere gute Männer – alles mischt sich viel mehr. Du weißt nicht vorher, wer gewinnt. Das macht es unwahrscheinlich spannend.

2014 ist Frauen-Skispringen das erste Mal olympisch. Könnte der Mixed-Wettbewerb die nächste olympische Disziplin werden?

Jetzt hat es das bei der Weltmeisterschaft gegeben, da können sie es auch bei Olympia machen. Als Springer hast du bisher nur drei Möglichkeiten bei Winterspielen, Medaillen zu gewinnen. So wären es vier. Beim Biathlon gibt es schon jetzt sechs Chancen.

Das Gespräch führte Lars Becker.

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