Sport : Szenen eines Staatsstreichs

Nie mehr Wildmoser, singen die Fans von 1860 München, als der neue Präsident dessen Nachfolge antritt

Daniel Pontzen

München. Karl-Heinz Wildmoser hat seine Hände an das Lenkrad gekrallt. Fäuste trommeln auf die Kühlerhaube, zwei Polizisten eskortieren den Wagen durch die Menge, dumpf dröhnen Gesänge der Fans durch die Scheiben. Viele haben lange auf diese Sekunde gewartet. Der TSV ist wieder frei, schreien sie. Wildmoser lässt sich nicht aufhalten. Er ist auf dem Weg zu seiner letzten großen Bühne. Im Schritttempo steuert er seine Limousine durch die Menschentraube. Dann gibt er Vollgas. In einer Viertelstunde ist er Studiogast im Bayerischen Fernsehen. Als Präsident a.D.

Es ist der Moment, in dem bei 1860 München eine neue Zeitrechnung beginnt, am Ende eines dramatischen Abends. Ein paar Stunden vorher ist die Stimmung gespalten am Vereinsgelände an der Grünwalder Straße. „Was hat der Wildmoser denn verkehrt gemacht im Verein?“, fragt Monika Güttner. Sie trägt ein Halstuch mit dem Vereinsemblem und steckt vor dem „Löwen-Stüberl“, der Vereinsgaststätte, Leberkäs in Semmeln. „Ich habe Angst, dass er nicht bleibt, ich habe Angst, dass ein Politiker kommt“, sagt sie. Die seien viel schneller dazu bereit, Schulden zu machen, das habe man ja in den Achtzigerjahren erlebt. Das Langzeitgedächtnis funktioniert am Löwen-Stüberl besser als das Kurzzeitgedächtnis.

Auch die Fans von der Grünwalder-Stadion-Fraktion können schlecht vergessen. Seit der Klub auf Befehl Wildmosers seine Heimspiele im Olympiastadion austrägt, hassen sie das Oberhaupt ihres Vereins. Sie haben das oft gesagt, gesungen und geschrieen. Am Montagabend vor dem Klubhaus tun sie es besonders laut. Im gleißenden Licht der Fernsehkameras schauen rund 200 von ihnen und 50 Journalisten hoch zum dritten Stock. Dort findet die Aufsichtsratssitzung statt. Alle warten auf die Entscheidung.

Um kurz nach halb zehn stapfen zwei Gestalten die Treppen hinab. Eine ist Wildmoser. In Sekunden breitet sich die Nachricht aus, er sei zurückgetreten. Jubel bricht aus. Er ist also seiner Entmachtung zuvorgekommen. Als Wildmoser wegfährt, treten die Mitglieder des Aufsichtsrates aus dem Gebäude.

Dazu zählt Monika Hohlmeier, die Tochter des einstigen bayerischen Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauß. „Karl-Heinz Wildmoser hat eine sehr ehrenvolle Entscheidung getroffen, die ihm sichtlich schwer gefallen ist“, sagt sie. Frau Hohlmeier ist eine gute Rednerin, aber sie muss sich konzentrieren, als sie zwischen Blumenbeet und Eingangstür des Vereinsgebäudes spricht, denn um sie herum schreien die Fans: „Nie mehr KHW, nie mehr, nie mehr.“ Sie sind viel lauter als Monika Hohlmeier.

Im Fernsehstudio des Bayrischen Rundfunks sitzt zu diesem Zeitpunkt Wildmoser und sagt, dass es ihm „auf den Geist geht, permanent beschimpft zu werden“. In sechs Wochen bekomme er Rente, „die will ich genießen“. Mit seinem Rücktritt wolle er jetzt für Ruhe im Verein sorgen, damit „die Spieler kein Alibi haben, wenn sie am Sonntag gegen den SC Freiburg verlieren“.

Er habe halt Schaden vom Verein abwenden wollen, und deshalb sei er einer Kampfabstimmung durch seinen Rücktritt zuvorgekommen, sagt auch Frau Hohlmeier vor dem Vereinsheim. Rücksichtsvoll, ehrenvoll, lobenswert, das sind auch die Worte, die ihre Kollegen gebrauchen, wenn sie von Wildmoser sprechen, dem Mann, der laut Staatsanwaltschaft dringend tatverdächtig ist, Schmiergelder beim Bau des neuen Stadions kassiert zu haben. Inzwischen bestätigte die Baufirma Alpine Zahlungen, besteht aber auch darauf, dass es sich um Vermittlungshonorar gehandelt habe. Ein Honorar, das Karl-Heinz Wildmoser nun das Amt kostete.

1860-Aufsichtsratschef Alfred Lehner versichert, Wildmoser habe nicht geweint während der Sitzung. Mit ihm sind auch die beiden Vizepräsidenten Kurt Sieber und Paul Wonhas zurückgetreten; der frühere bayerische Kultus- und Wissenschaftsminister Hans Zehetmair (CSU) hat einen der Posten übernommen, ein zweiter Mann wird noch bestimmt werden müssen. Und dann sickert eine weitere Nachricht an die Öffentlichkeit: Rolf Rüssmann, ehemaliger Manager des VfB Stuttgart, soll neuer technischer Direktor des Klubs werden.

Doch davon will Karl Auer, der Präsident, nichts wissen, das sei „jetzt kein Thema“. Auer ist durch den Seiteneingang gekommen. Ein Gitter trennt ihn von den Fernsehkameras. Er muss etwas sagen. Er ist der neue Präsident. Einstimmig gewählt. Er hat erst während der Sitzung von seiner Nominierung erfahren. Dann hat der Wurstfabrikant seine Frau Hannelore angerufen. Er musste es einfach machen, seine Frau habe verstanden: die Verantwortung, der Verein.

Kurz vor Mitternacht öffnet sich nochmal die Tür des „Löwen-Stüberl“. Über einem Tisch hängt ein Schild mit der Aufschrift „Stammtisch der Kompetenz-Löwen“. Es wird Platz gemacht. Karl Auer sieht müde aus, als er auf der Eckbank Platz nimmt. Gerade hat er sein erstes Interview fürs Fernsehen gegeben. Er ist gefragt worden, ob er ein schlechtes Gefühl habe, weil er ja immer auf der Seite Karl-Heinz Wildmosers gestanden habe: Nein, das sei ja auch der Wunsch des Präsidenten gewesen, hat Auer gesagt. Es wird eine Weile dauern, bis er sich daran gewöhnt haben wird, dass er der Präsident ist. Dann tritt er heraus, an die frische Luft.

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