Sport : T-Mobile: Ein Team ist angeschlagen Denkmal unter Druck

Für Birgit Fischer, die erfolgreichste Kanutin der Welt, zählt auch mit 42 Jahren nur die Goldmedaille

Sebastian Moll

Figeac - Bei der Präsentation der Tour- de-France-Mannschaft von T-Mobile im vergangenen Winter konnte man den Eindruck gewinnen, dieses Team sei unbesiegbar. Der Zweite (Ullrich) und der Dritte (Winokourow) der Tour 2003 trugen dort das gleiche neue Trikot, dazu ein Giro-d’Italia-Gewinner (Savoldelli) und ein Weltmeister (Botero). Doch jetzt, in der entscheidenden Phase der Tour 2004 ergibt sich ein anderes Bild: Die Mannschaft um Jan Ullrich ist angeschlagen und zerstritten.

Matthias Kessler, als wichtiger Mann für Jan Ullrich auf den schweren Bergetappen der kommenden Tage eingeplant, musste nach seinem Sturz am Mittwoch mit gebrochenen Rippen und einem eingefallenen Lungenflügel die Tour aufgeben. Rolf Aldag kann zwar nach seinen Stürzen weiterfahren, ist jedoch laut Teamchef Walter Godefroot aufgrund diverser Prellungen nur noch bei 50 Prozent seiner Leistungsfähigkeit. Santiago Botero, der noch 2002 eine schwere Bergetappe und ein Zeitfahren gegen Lance Armstrong gewann, fährt schon im zweiten Jahr seiner Form weit hinterher. „Ich kann nur hoffen, dass er einen schwachen Tag hatte“, sagte Walter Godefroot, nachdem Botero am Mittwoch schon an den vergleichsweise leichten Anstiegen der Auvergne nicht mehr mit dem Feld mitkam.

Von einer entscheidenden Schwächung seiner Mannschaft will Godefroot aber nicht sprechen. Schließlich könne sich Ullrich noch auf Giuseppe Guerini und auf Andreas Klöden verlassen. „Die Frage ist, wie viel stärker ist US Postal? Von denen hatten in der Auvergne auch einige Probleme.“ Zu den Ausfällen kommt der Streit über die Rolle von Erik Zabel. Zabel hat Ambitionen auf das Grüne Trikot des besten Sprinters (siehe auch nebenstehenden Bericht). Godefroot besteht jedoch darauf, dass T-Mobile kein anderes Ziel kennt als den Gesamtsieg für Ullrich. Einig ist man sich bei T-Mobile nur über eines: Jan Ullrich ist in einer hervorragenden Verfassung. Ob das gegen Lance Armstrongs starke Mannschaft US Postal ausreicht, werden die nächsten Tage im Gebirge zeigen.

Am 13. August beginnen die Olympischen Spiele in Athen. Bis dahin stellt der Tagesspiegel deutsche Sportler vor, die besondere Aufmerksamkeit verdienen. Heute: Birgit Fischer, Kanutin.

Einmal nur, für ein paar wenige Sekunden, verliert Birgit Fischer ihren harten Blick, und ihre Lippen wirken nicht wie Striche. Dann formuliert sie mit weicher Stimme: „Mhmmm, Rouladen, lecker.“ Birgit Fischer erzählt gerade, was sie gerne isst. Aber die Kanutin kommt selten dazu, Roulade zu kochen, die Zeit fehlt ihr dazu, und als sie das sagt, ist der Mund wieder schmallippig und der Blick hart. Denn die Begründung ist typisch Fischer. „Ich koche entweder richtig lange oder gar nicht.“

Birgit Fischer macht nie etwas nur halbherzig. Für sie gibt es nur das Optimum oder gar nichts. Und da sie das Optimum nie erreichen wird, weil ihre Ansprüche extrem hoch sind und sie deshalb ständig das Gefühl vermittelt, nicht wirklich etwas geleistet zu haben, ist sie hart geworden. Das Besondere an ihr empfinden immer die anderen. Sie nicht. Die anderen, die Journalisten und Kanu-Fans, finden es beeindruckend, ja bewundernswert, dass Fischer mit 42 Jahren in Athen startet. Ihre sechsten Olympischen Spiele, nach dreieinhalb Jahren Pause, nach nur sieben Monaten Training, nach sieben olympischen Gold- und drei Silbermedaillen, nach 27 WM-Titeln. Fischer aber fühlt sich „nicht anders als sonst, auch wenn von außen etwas Besonderes daraus gemacht wird“.

Sie könnte sich zum Beispiel darüber freuen, dass sie nach einem halben Jahr Training schon wieder die Nummer zwei der deutschen Rangliste ist. Sie könnte stolz darauf sein, weil sie im Winter auf dem zugefrorenen Betzsee jeden Tag neue eisfreie Stellen zum Trainieren gefunden hat. Stattdessen sagt sie: „Man hat es mir zu leicht gemacht.“ Sie wird es den anderen nicht zu leicht machen. Sie startet im Zweier und im Vierer, und die „Mädchen“ im Vierer, „werde ich schon so weit bekommen, dass sie Gold wollen“. Birgit Fischer fordert immer. Sie sagt nach 27 WM-Titeln: „Ich kann mich noch in vielen Dingen verbessern.“ Leicht vorstellbar, wie sehr sie mit dieser Einstellung andere fordert.

Und sie will natürlich Gold, was sonst? „Ich starte nicht, um Dritte zu werden.“ Im Zweier paddelt sie mit Carolin Leonhardt. Die 19-Jährige ist so wie die junge Fischer, das gefällt der erfolgreichsten Kanutin der Welt. „Die brennt auf Gold.“ Aber die Ältere wird vorerst nicht abtreten. „Ich komme nicht zurück, um nach acht Monaten wieder aufzuhören.“

Also läuft alles nebenher: das Training, die Arbeit in ihrer Firma, die Bootstouren organisiert, die Erziehung der beiden Kinder, die Hausarbeit. „Ich erhole mich beim Heckenschneiden. Andere empfinden das als hektisch, für mich ist es interessant“, sagt sie kühl. Aber ihre Ansprüche haben sie auch zum Opfer gemacht. Birgit Fischer steht für Sieg. Alles andere gilt als Niederlage, weil sie das selber so signalisiert. Sie ist jetzt 42, aber sie kann auch ihren sechsten Olympia-Auftritt nicht einfach auf sich zukommen lassen. Stattdessen fühlt sie den Druck, den sie selbst erzeugt: „Wenn ich nicht gewinne, bin ich doch in den Medien der Depp der Nation.“ Frank Bachner

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