Sport : Tabellendritter der zweiten Liga durch Muskelkraft und Maloche

Karsten Doneck

Wer diesen Plastikaufkleber angebracht hat, ist schwer zu ergründen. Eines Tages klebte er da, im Gang vor der Kabinentür, unübersehbar für die Profis des FC Energie Cottbus, wenn sie Richtung Spielfeld wollen. Der Hauptverdächtige, Eduard Geyer, beteuert seine Unschuld an der Aktion. "Keine Ahnung, wer das war", sagt der Trainer des FC Energie mit treuherzigem Augenaufschlag, "aber, es stimmt schon, das könnte von mir sein." Solche Leitsprüche, wie den auf dem Aufkleber im Kabinentrakt des Stadions der Freundschaft in Cottbus, weiß ein Geyer sehr wohl zu schätzen. "Gewonnen wird im Kopf", steht dort in fetten Lettern geschrieben. Und weil das irgendwie auch das Motto der Cottbuser Zweitliga-Fußballer ist, wird jenem Aufkleber eine lange Lebensdauer an der kalkweißen Wand prophezeit.

Vielleicht hat keiner der Weggefährten in der Zweiten Liga so tiefgehend wie die Cottbuser verinnerlicht, was es heißt, im Unterbau der Bundesliga sein Dasein zu fristen und nach oben zu wollen. Fußball, made in Cottbus, setzt sich zuerst einmal aus den Elementen Muskelkraft und Maloche zusammen. Das wiederum ist keineswegs abwertend gemeint. Und dann kommt noch die Kopfarbeit hinzu. Wie am Montagabend beim 1:1 (0:1) im Spitzenspiel gegen den VfL Bochum. "Der VfL hat die feinere Klinge geschlagen", gab Geyer frank und frei zu. Aber seine Spieler, früh einem Rückstand hinterher laufend, nutzten ihre Mittel optimal. Sie kämpften mit Hingabe. Jede vergebene Torchance - Geyer: "Wir hatten vier, fünf Hundertprozentige, aber da fehlt uns der Mut oder auch mal die Übersicht" - schien das ohnehin große Engagement jedes einzelnen Energie-Profis nur noch um ein paar Prozent zu steigern. Der Lohn: In der Schlussphase gelang dem eingewechselten Marcel Rath der Ausgleich.

Energie Cottbus bleibt mit dem Unentschieden im Rennen um den Aufstieg - und trotzdem rundum bescheiden. So versuchte Stadionsprecher Ronny Gersch kurz vor dem Anpfiff die Stimmung unter den 10 697 Zuschauern noch schnell ein bisschen anzuheizen. Ins Mikrofon rief er lauthals und leicht euphorisch: "Glückwunsch unserer Mannschaft ... " Kunstpause. Wofür denn, bitte schön? Gersch lieferte mit todernster Stimme die Aufklärung wenig später nach: " ... zum Klassenerhalt in der Zweiten Liga." Wer im Stadion die aktuelle Tabelle auch nur halbwegs im Gedächtnis hatte, konnte sich ein Lachen nicht verkneifen.

Aber Eduard Geyer hat die Sprachregelung nun mal festgeklopft. Und was Geyer sagt, gilt in der Lausitz als Fußball-Gesetz. 40 Punkte, so die Diktion des Trainers, bedeuten Klassenerhalt, das sei das vorrangige Ziel für den FC Energie gewesen, alles weitere werde man dann sehen. Und eine Woche zuvor hatten die Cottbuser mit dem 2:1 beim Chemnitzer FC die Punkte 39 bis 41 auf einen Schlag hereingeholt. Klassenerhalt gesichert, logisch.

Logisch? Neun Spiele stehen jetzt noch aus. Nicht-Absteiger Energie Cottbus ist Dritter - von oben, wohlgemerkt. Und auch Eduard Geyer mag nunmehr die Tabelle nicht mehr auf seine etwas eigenwillige Art deuten. "Wir dürfen uns ja auch nicht selbst belügen", meint er. Aber mit dem Gedanken an den Aufstieg freundet er sich eher zaghaft an, weil ein bisschen Understatement ja nicht schaden kann. "Wir sind in der Spitzengruppe nur der Außenseiter", sagt Geyer, "aber warum sollten wir unsere Chance nicht nutzen?" Ja, warum eigentlich nicht? Zumal der Boden für den Aufstieg bereitet ist. "Wenn wir in die Bundesliga kommen, müssen wir keine Bank überfallen", hat Energie-Präsident Dieter Krein kürzlich die Finanzsituation des Klubs in launigen Worten umrissen.

Es existieren schon Pläne, das Stadion mit seinem Fassungsvermögen von 21 500 Zuschauern umzugestalten. "Wir werden eine Machbarkeitsstudie in Auftrag geben", sagt Krein. An eine Überdachung der Gegengerade ist gedacht, dort sollen auch neue Sitzplätze geschaffen werden. Zehn Millionen Mark muss der Verein dafür auftreiben. Da für solche Baumaßnahmen wahrscheinlich auch Bäume des angrenzenden ehemaligen Bundesgartenschaugeländes gefällt werden müssen, ist Ärger mit Umweltschützern programmiert. Aber beim FC Energie herrscht keineswegs schon die Sorge, bei der Lizenzvergabe durch den Deutschen Fußball-Bund (DFB) möglicherweise unerfüllbare Auflagen hinsichtlich der Spielstätte zu bekommen. "Ein Stadion, das zweitliga-tauglich ist, ist auch im Falle der Bundesligazugehörigkeit tauglich", stellt Dieter Krein klar.

Und wenn dem FC Energie Cottbus tatsächlich der Aufstieg glückt, dann wird auch der Ärger verraucht sein, den das Deutsche Sport-Fernsehen mit seiner Live-Übertragung des Spiels gegen Chemnitz in Cottbus ausgelöst hat. DSF-Reporter Uwe Morawe fand in dieser Partie an Energie-Profi Miroslav Jovic partout keinen Gefallen. Also teilte er den Fernsehzuschauern mit, live und ungeschnitten: "Der geht mir auf den Sack - der Jovic. Ist das ein Scheißspieler." Morawe hat sich für diese Entgleisung, die in Cottbus begreiflicherweise erhebliche Wut auslöste, inzwischen entschuldigt. Derart abfällig-unqualifizierte Kommentare würden Jovic in der Bundesliga erspart bleiben. Das DSF hat halt nur die Übertragungsrechte für die Zweite Liga. Ein Grund mehr aufzusteigen.

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