Tabellenführer Hertha : Helden des Systems

Der Sieg gegen Bayern zeigt, dass Herthas Sprung an die Spitze alles andere als Zufall ist: Die Mannschaft überzeugt vor allem als Mannschaft.

Stefan Hermanns
Hertha-Jubel
Andere Formen des Jubels: Andrej Woronin, Leandro Cuvré, Josip Simunic und obendrauf Patrick Ebert.Foto: dpa

Berlin - Marko Pantelic ließ sich an diesem Nachmittag wirklich nichts zuschulden kommen. Er stand genau an der imaginären Grenze zwischen öffentlichem und nicht-öffentlichem Raum, und er widerstand der Versuchung, die Grenze zu überschreiten. „Marko“, sagte ein Journalist, der ihn aus dem Kabinengang in die Interviewzone locken wollte. Pantelic, der das Spitzenspiel der Fußball-Bundesliga wegen einer Verletzung verpasst hatte, zuckte mit der Schulter, zeigte auf seine Kollegen in den verschwitzten Trikots und verweigerte jede weitere Auskunft. An diesem Nachmittag, nach dem 2:1 von Hertha BSC gegen den FC Bayern München, hatten sich andere das Recht erworben, im Mittelpunkt zu stehen.

An Helden mangelte es bei Hertha wirklich nicht. Da war der Torhüter Jaroslav Drobny, der gleich mehrmals verhinderte, dass die Bayern aus dem 0:1 mehr als nur ein zwischenzeitliches 1:1 machten. Oder Marc Stein, der auf der ungewohnten rechten Seite spielte und es im Verbund mit seinen Kollegen erstaunlich lange schaffte, Bayerns Wunderknaben Franck Ribéry ruhig zu stellen. Pal Dardai, der vier Wochen nach seiner Knieoperation, erfolgreich gegen den Schmerz ankämpfte. Der Brasilianer Rodnei, der gegen den Rekordmeister zu seinem Debüt in der Bundesliga kam und seinen Job erstaunlich gelassen erledigte. Oder sein Landsmann Raffael, der nach seinen müden Auftritten im Mittelfeld als Pantelics Ersatzmann im Sturm sein bestes Spiel seit langem machte. Und natürlich Andrej Woronin, der Schütze der beiden Berliner Tore. Helden über Helden. Herthas Trainer Lucien Favre sagte: „Es war ein Sieg der Mannschaft.“

Das ist der Unterschied zwischen den Berlinern, die nach 20 Spieltagen an der Tabellenspitze angelangt sind, und den Bayern, die, abgesehen von der gefühlten Herbstmeisterschaft, in dieser Saison noch kein einziges Mal ganz oben gestanden haben. Bei Hertha bringt die Mannschaft Helden hervor; bei den Bayern formen im Idealfall neun Helden (plus Christian Lell und Michael Rensing) eine Mannschaft. In Berlin, gegen die Hertha, gelang ihnen das zu keiner Zeit.

„Es nervt natürlich“, sagte Bayerns Trainer Jürgen Klinsmann. „Dann müssen wir’s halt noch mal um ein paar Tage aufschieben, bis wir Tabellenführer sind. Früher oder später werden wir oben stehen. Das ist unser Anspruch und unsere Überzeugung.“ Klinsmann zweifelt nicht – weil er nicht zweifeln darf. Niemand braucht den Erfolg mehr als er.

Im Grunde geht es in München immer noch um die Frage: Schafft Jürgen Klinsmann die Bayern? Oder schaffen die Bayern Klinsmann, der angetreten ist, um den Verein in die fußballerische Moderne zu führen? Im Moment sieht es so aus, als behaupte sich das Establishment, auch wenn Manager Uli Hoeneß immer wieder auf die positiven Einflüsse des Trainerneulings verweist. Dem Spiel des Meisters aber liegt kein System zugrunde, noch immer verlässt sich die Mannschaft viel zu sehr auf ihre individuellen Fähigkeiten. So wie kurz nach der Pause, als Bastian Schweinsteiger am eigenen Strafraum den Ball eroberte. Der Nationalspieler nutzte den Moment der Unordnung bei Hertha zum schnellen Gegenschlag. Schweinsteiger rannte mit dem Ball los – bis er sich nach 60 Metern in Herthas entblößter Abwehr festgerannt hatte, weil keiner seiner Kollegen in Position gelaufen war.

Bei Hertha folgen die Konter nicht der Eingebung, sie folgen einem Plan. Das war vor dem Siegtor deutlich zu erkennen. Arne Friedrich erkämpfte sich am eigenen Strafraum den Ball, es folgten vier Stationen mit jeweils einem Ballkontakt, ehe Raffael den freien Raum im Mittelfeld zum entscheidenden Vorstoß auf das Bayern-Tor nutzte. Andrej Woronin sprintete in den freien Raum, bekam den Ball in den Lauf gepasst und vollendete zum 2:1. „Die Mannschaft hat gut gewartet auf einen super Konter“, sagte Favre. Einen solchen Spielzug kann man trainieren. Hertha trainiert ihn immer wieder.

Zufall oder Glück spielen für den Erfolg der Berliner eine sehr viel geringere Rolle, als gemeinhin angenommen wird. „Wir sind viel besser als letzte Saison“, sagt Innenverteidiger Josip Simunic. „Wir haben kapiert, was der Trainer will.“ Von den bisherigen sieben Duellen mit ihren sechs Verfolgern haben die Berliner fünf gewonnen. Die Bayern haben allein in den drei Spielen der Rückrunde gegen zwei Konkurrenten verloren: in Hamburg und bei Hertha. Trotzdem sagt Uli Hoeneß: „Der größte Gegner des FC Bayern sind wir selbst.“

Das trifft ab jetzt wohl auch auf die Berliner zu. Herthas Manager Dieter Hoeneß hat es als Spieler der Bayern oft genug erlebt, dass deren Bezwinger in den Wochen danach in erhebliche Schwierigkeiten geraten sind. „Das wird uns nicht passieren“, sagte Hoeneß. „Die Mannschaft ist geerdet, da wird keiner durchdrehen.“

Gestern durften die Berliner ihren Erfolg noch einmal genießen. Selbst Lucien Favre war am Tag danach noch ein wenig beschwingt. Den Nachmittag hatte er sich für das DVD-Studium des Spiels frei gehalten. Pflichtprogramm für Herthas Trainer. Favre sagte: „Ich freue mich.“

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