Sport : Tabellenführer – weil kein anderer will

Hertha BSC übernimmt nach dem 2:2 gegen VfB Stuttgart wieder den ersten Platz in der Bundesliga

Michael Rosentritt

Berlin - Irgendetwas Unangenehmes muss die Tabellenführung in der Fußball-Bundesliga im Augenblick an sich haben. Anders lässt sich nicht erklären, warum derzeit nicht eine einzige Mannschaft so spielt, als dass sie die Spitzenposition wirklich haben wollte. Fünf Mannschaften eiern punktgleich am oberen Ende der Tabelle herum. Nach dem sechsten Spieltag hat es wieder einmal Hertha BSC erwischt. Ein keinesfalls hochklassiges 2:2 (2:1) vor 48 637 Zuschauern im Olympiastadion reichte den Berlinern gestern aus, um sich nach zwei Wochen und nun schon zum zweiten Mal in dieser Saison an die erste Stelle der Tabelle zu bringen. Schämen mussten sich die Hertha-Profis dafür nicht, aber sie trotteten emotionslos vom Platz.

Nach dem Spiel konnte sich niemand so recht erklären, warum die Berliner da stehen, wo sie stehen. Ist auch selten, dass man mit nur zehn bei 18 möglichen Punkten ganz oben steht. „Der Schein trügt, wir sind zwar Spitzenreiter, aber nach einer Niederlage sind wir wieder im Mittelfeld“, sagte Arne Friedrich. Herthas Kapitän war es, der die frühe Führung der Stuttgarter durch Mario Gomez ebenso flink egalisiert hatte. Und nach weiteren fünf Minuten war Hertha sogar durch ein wunderschönes Tor von Marko Pantelic mit 2:1 in Führung gegangen. Das dritte Saisontor für den Serben war das Ergebnis einer in der Anfangsphase sehr engagierten und lustvollen Vorstellung der Berliner. Leider war es damit nach der Viertelstunde schon vorbei.

„Wir haben zu früh angefangen, das Ergebnis zu verwalten“, sagte Trainer Falko Götz und ärgerte sich. Der Ausgleich in der zweiten Halbzeit durch den Stuttgarter Cacau war die logische Konsequenz. Anschließend hatte der VfB zwei erstklassige Gelegenheiten, das Spiel für sich zu entscheiden, allerdings scheiterten Gomez und Cacau – Letzterer an der Torlatte. „Wir müssen hier als Sieger vom Platz gehen“, sagte Stuttgarts Trainer Armin Veh. Ganz so unbegründet war seine Einlassung nicht. Die Gäste wirkten körperlich kerniger und waren spielerisch reifer. Sie spielten ihr Positionsspiel weit besser, die Berliner liefen oft nur hinterher.

Herthas Trainer hatte erneut die verletzten Kreativspieler Gilberto und Yildiray Bastürk zu ersetzen, und weil das schon im Uefa-Cup unter der Woche in Odense nicht so recht geklappt hatte, versuchte es Götz mit einer Systemumstellung. Er reduzierte die Viererabwehrkette zu einer Dreierkette und schuf so ein personelles Übergewicht im Mittelfeld. Die Stuttgarter brauchten eine Weile, um sich darauf einzustellen. Doch die Umstellung hatte auch Folgen für das eigene Spiel, Folgen, die so nicht eingeplant waren. Es fehlte den Berlinern an einer taktischen Ordnung auf dem Platz. „Beide Tore waren Geschenke“, sagte Torwart Fiedler.

Hertha hatte in der zweiten Halbzeit vollends das Spiel aus der Hand gegeben. „Das zweite Gegentor ist zwangsläufig gefallen“, sagte Friedrich. Kurz darauf, nach einer Stunde, wurde Kevin-Prince Boateng vom Feld geholt. „Ich bin enttäuscht, das war eine katastrophale Leistung von mir“, sagte Herthas Jungstar. „Wir haben uns ein bisschen ergeben“, sagte Götz. Die Belastung durch den Uefa-Cup mochte der Trainer nicht als Entschuldigung anführen. „Ich bin froh, dass wir durch die Länderspielpause einige Dinge nacharbeiten können.“

Hertha ist also wieder ganz oben. Das ist doch was, aber auch nicht wirklich viel. „Es wäre heute möglich gewesen, sich da richtig zu positionieren“, sagte Manager Dieter Hoeneß. „Leider haben wir zu wenig dafür getan, uns abzusetzen.“ Die trefflichste Erklärung für die Spitzenposition fand Herthas Abwehrchef Dick van Burik. Der Holländer kommentierte die Tabellenführung so: „Ich glaube nicht, dass es an unserer Stärke liegt.“

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