Tabellenführer Wolfsburg : So ruhig hier oben

Beim Tabellenführer der Fußball-Bundesliga will weiterhin niemand von der Meisterschaft reden. Die Spieler und Trainer Felix Magath geben sich becheiden und arbeiten weiter emsig.

Christian Otto[Wolfsburg]
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Überflieger. Wolfsburgs Stürmer Grafite stürzt über Torhüter René Adler.Foto: ddp

Bevor er duschen durfte, dieses Spielchen kennt Zvjezdan Misimovic inzwischen, hielt man ihm wieder einmal die Tabelle vor die Nase. Wer immer noch an der Spitze der Fußball-Bundesliga steht, wer gleich zehnmal in Folge gewinnt, der soll doch bitteschön etwas zu den Titelchancen seines VfL Wolfsburg sagen. Es darf auch gerne etwas Großspuriges sein, das es bis in die ganz dicken Schlagzeilen schafft. Aber „Zwetschge“, wie der begnadete Torvorbereiter genannt wird, spielte auch dieses Mal nicht mit. Kein Wort zur Meisterschale, keine großen Töne. „Wir sollten das Glück nicht überstrapazieren“, sagte Misimovic nach dem 2:1-Heimsieg gegen Bayer Leverkusen, der am Ende sogar schmeichelhaft war.

Falls die Wolfsburger denn tatsächlich Meister werden, haben sie es zu einem großen Teil Misimovic zu verdanken. Der Bosnier hat in dieser Saison bereits 19 Vorlagen zu Toren gegeben und damit den Bundesligarekord von Uwe Bein, Andreas Herzog und Dariusz Wosz (je 17) gebrochen. Misimovic sorgt dafür, dass vorn Edin Dzeko und Grafite fast nach Belieben treffen. Und er führt das aus, was der allmächtige Trainer, Sportdirektor sowie Geschäftsführer namens Felix Magath taktisch vorgibt.

Die Wolfsburger schaffen es auch dann, wenn ein Gegner wie die spielstarken Leverkusener im Grunde das Spiel bestimmt, ruhig zu bleiben und im richtigen Moment zuzuschlagen. Weil die Defensive um den überragenden Torhüter Diego Benaglio und den fehlerlosen Abwehrchef Andrea Barzagli dicht hält. Weil Misimovic die eroberten Bälle, so wie vor dem Siegtreffer von Grafite in der 85. Minute, mit verblüffender Präzision an die Torjäger des VfL weiterleitet. Und weil den Wolfsburgern selten die Puste ausgeht. „Es ist ja bekannt, dass wir in der Saisonvorbereitung etwas mehr machen als andere“, sagte der Spielmacher.

Die Geschichte mit den Medizinbällen, dem Trainingshügel und den Laufeinheiten ist in der Tat bekannt. Sie bildet in Wolfsburg die Grundlage für viel Fitness, wenig Verletzungen und immer frechere Auftritte eines lange Zeit belächelten Außenseiters. Seinen Führungstreffer zum 1:0 per Elfmeter hatte Grafite, in dieser Saison bereits 22-facher Torschütze, mit einem gehörigen Schuss Dreistigkeit vorbereitet.

Dem 30-Jährigen war es gelungen, sich durch ein Hakeln mit den Armen an Manuel Friedrich vorbeizumogeln. Als im Strafraum dann leicht zurückgehakelt wurde, ging Grafite sofort zu Boden. „Ich wusste gar nicht, dass 120 Kilo so schnell umfallen“, sagte Friedrich schnippisch und war stinksauer. Der Leverkusener sah sein stark aufspielendes Team von Schiedsrichter Jochen Drees, der in der Schlussminute sogar noch ein elfmeterwürdiges Handspiel von Jan Simunek übersah, um ein verdientes Erfolgserlebnis gebracht. Es reichte nur zum zwischenzeitlichen 1:1 (54.) von Toni Kroos. Und zu der Erkenntnis, dass sich die Wolfsburger bei ihrem 13. Sieg im 14. Heimspiel einfach cleverer anstellten.

Es sind noch maximal sechs Spieltage, bis die sogenannte Salatschüssel wieder feierlich übergeben wird. Und es ist, als hätten die Wolfsburger auf dem Weg zu dieser Zeremonie mit ihrem 5:1-Heimsieg gegen den Verfolger FC Bayern München längst das Schlimmste hinter sich. In den zwei Wochen, die seit der Demontage des Rekordmeisters in der vermeintlichen Fußball-Provinz vergangen sind, ist in Wolfsburg wieder eine meisterliche Ruhe eingekehrt. Die Medien sind hier im Grunde immer brav. Es gibt mangels großer Erfolge und Historie auch keine störenden, weil nörgelnden Breitners, Latteks oder Beckenbauers. Jürgen Klinsmann, der sich ganz plötzlich ganz sicher auf dem Weg zur Meisterschaft sieht, erhöht den Druck auf das Bayern-Ensemble. Felix Magath nimmt ihn von den Schultern seiner Schützlinge. Gegen Leverkusen waren sie ins Wanken geraten, es hätte Grund zum Schimpfen gegeben. „Die Mannschaft will. Aber sie ist die Situation an der Tabellenspitze nicht gewohnt. Dazu ist sie noch zu jung“, lautete Magaths schützende Analyse. Er hatte zum vierten Mal in Folge derselben Startelf vertraut.

Wer jung ist und noch kein Meister war, hört auf einen erfahrenen Mann wie Magath. Die Wolfsburger Spieler sind dem 55-Jährigen fast hörig. Widerworte und Undiszipliniertheiten gibt es beim VfL im Grunde nicht. Offiziell ist das Gerede von der Meisterschaft natürlich nicht verboten. Aber keiner ist so dumm, damit anzufangen. „Unser Saisonziel? Das ist immer noch Platz fünf“, sagte Verteidiger Simunek, grinste und lief ein wenig rot an. Sie haben wohl auch das bis zum Erbrechen trainiert.

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