Tabellenführung : Hertha träumt heimlich

Hertha bringt die Verhältnisse in der Bundesliga zum Tanzen, aber Trainer Favre spricht weiterhin vom Uefa-Cup: „Wir liegen gut.“

Michael Rosentritt[Cottbus]
Cottbus - Hertha
Ein Tänzchen muss schon sein. Dieter Hoeneß (mit erhobener Hand) im Kreis der Hertha-Profis nach dem Schlusspfiff in Cottbus.Foto: contrast

Dieter Hoeneß hatte nach seinem Tänzchen auf dem Cottbuser Rasen den dunkelblauen Blouson gestrafft, ehe er wieder in die Rolle des Öffentlichkeitsarbeiters schlüpfte. „Hat ja was“, sagte der Manager von Hertha BSC noch etwas außer Atem. Für einen Moment war nicht klar, was Hoeneß meinte: sein Tänzchen oder die ausgebaute Tabellenführung. Oder doch beides? Die Antwort gab der 56-Jährige irgendwie selbst. Hertha liege jetzt vier Punkte vor dem Tabellenzweiten, „die Situation kann man schon ertragen, so ist es nicht“, sagte Hoeneß und strahlte übers ganze Gesicht.

Streicheleinheiten für Hoeneß' Seele

Man muss dazu wissen, dass sowohl Hertha als auch Hoeneß schon viele Gesichter gezeigt haben in den vielen gemeinsamen Jahren. Insbesondere beim Angstgegner Cottbus. Vielleicht wird Hoeneß im Moment des Triumphs an jene Anfangszeit gedacht haben, die sich in Berlin unter dem Begriff „Schreibmaschine“ zusammenfassen lässt. Nein, diesmal, im Moment des schönen Erfolgs in der Lausitz, wollte Hoeneß nicht so weit zurückgreifen. Er weiß, dass die alten Geschichten nicht so gut ankommen. Auch Hoeneß hat gelernt, ja musste lernen. Nach Jahren des rasanten Aufstiegs war die Entwicklung des Vereins ins Stocken, gelegentlich gar ins Trudeln geraten. In dieser Zeit hatte Hoeneß wenig Argumente und verwies ein, zwei Mal zu oft auf die Schreibmaschine. Er fühlte seine Arbeit zu wenig gewürdigt, bisweilen verkannt. Auch so ließe sich erklären, warum er im vergangenen Spätherbst, als Hertha zum Höhenflug ansetzte, öffentliche Termine zu „Dieter-Hoeneß-Festspielen“ (Präsident Werner Gegenbauer) umfunktionierte. Jetzt aber darf auch Hoeneß mal genießen. Insbesondere ihm tut die jetzige Situation gut, sie streichelt seine Seele. Nicht ohne Grund war er vom Kapitän Friedrich nach dem 3:1-Sieg aufgefordert worden, in den Kreis der Mannschaft zu treten und ein Tänzchen abzuhalten.

„Man hat gesehen, er hat das schon lange nicht mehr gemacht“, sagte am Sonntag Innenverteidiger Josip Simunic. Es sei ein spontaner, aber bewusster Wunsch der Mannschaft gewesen. Und Hoeneß gab das Kompliment zurück. „Das war heute ein Charaktertest für die Mannschaft. Sie hat ihn bestanden.“

Der Manager gibt sich plötzlich bescheiden

Vier Punkte sind es also, die Hertha zwischen sich und den Besten des ganzen Restes gelegt hat. Zwei Wochen lang mindestens wird Hertha von Platz eins nicht zu verdrängen sein. „Ja, das ist schön“, sagte Hoeneß und wirkte dabei bescheiden. Eine Qualität, die viele am Manager lange vermisst haben.

„Dieser Sieg gibt uns Sicherheit und Selbstvertrauen für die nächsten schweren Aufgaben“, sagte Michael Preetz, der im kommenden Sommer einen Teil der Machtfülle Hoeneß’ übernehmen soll. Hoeneß wird dann ausscheiden. Und vielleicht wird sein großes Ziel dann Wirklichkeit geworden sein: die Meisterschaft.

Meisterhaft in Sachen Effektivität

Dieses Wort mag noch niemand bei Hertha in den Mund nehmen. „Ich stehe ja nicht im Verdacht, mich gegen große Ziele zu stemmen“, sagte Hoeneß mit einem Lächeln im Gesicht, „aber wir wollen uns jetzt nicht ablenken lassen.“ Man sei gut beraten, „nicht zu lange auf die Tabelle zu schauen“. Man wolle die Konzentration und die nötige Spannung sowie die Effektivität auf dem Platz beibehalten.

Woronin schoss sieben Tore in den letzten fünf Spielen

In Sachen Effektivität ist Hertha schon jetzt meisterhaft. Hertha hat im Vergleich zu anderen Klubs nicht übermäßig viele Torchancen, braucht aber lange nicht so viele wie diese. Verantwortlich dafür ist allen voran Andrej Woronin, der in Cottbus drei Tore schoss. Die Leihgabe aus Liverpool hat jetzt sieben Treffer in den letzten fünf Spielen erzielt. „Er macht im Moment alles richtig“, sagte Hoeneß. Und Maximilan Nicu ergänzte: „Er ist als Spieler unheimlich wichtig.“ Woronin selbst hat unterdessen ein paar Gründe für seine Entwicklung ausgemacht. Als er kam, sei Marko Pantelic der große Star gewesen. Die Spieler hätten auf ihn geschaut und ihn gesucht auf dem Feld. „Jetzt bin ich es auch“, sagte Woronin gestern. „Die Mannschaft und ich haben sich angepasst.“ Auch deshalb will Hertha den ukrainischen Stürmer halten. Doch mit jedem Tor wird Woronin auch für die Konkurrenz interessanter. Diese Gefahr sei da, aber sie veränderte nicht Herthas wirtschaftliche Situation, rechnete Hoeneß vor: „Wenn wir Manchester City wären, würden wir nicht warten.“

Die wirtschaftliche Situation verändern würde aber eine Teilnahme an der Champions League. Hertha ist mittlerweile ein echter Kandidat. Dieter Hoeneß verbat sich das öffentliche Träumen. Lucien Favre nickte. Dem Trainer gefällt die Zurückhaltung. Es gäbe keinen Grund, das Saisonziel zu verändern, sagte der Schweizer: „Wir probieren, um den Uefa-Cup-Platz zu kämpfen.“ Dieses Ziel hätten vor der Saison zehn andere Mannschaften auch gehabt. „Wir liegen gut“, sagte Favre, der nur einmal selbst zu träumen wagte: „Auch ich tanze gern.“

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