Sport : Table-Dance in Boxhöschen

Vier Jahre war René Weller im Gefängnis, jetzt hat er wieder versucht zu boxen – mit 49 Jahren

Michael Rosentritt

Berlin. Die Choreographie war nicht ganz bis zu Ende gedacht. Während der in die Jahre gekommene „schöne René“ in seiner Kabine mit dem Föhn hantierte, wedelte Rasto Kovac an einem Stehtisch mit beiden Händen durch die Luft. Das Unüberlegte daran war, dass der schmale Slowake zumindest mit einer Hand nicht hätte wedeln dürfen. Genauer gesagt mit seiner rechten Führhand. Denn die war angeblich lädiert und der offizielle Grund, warum er eine Stunde vorher seinen Kampf gegen den 49-jährigen René Weller nach der fünften Runde aufgegeben hatte. Die Beobachter dieser kleinen Szene am Stehtisch konnten nur zu der einen Überzeugung kommen, dass mit beiden Händen von Wellers Gegner alles in bester Ordnung war – natürlich ganz inoffiziell.

Dinnerboxen mitten in Moabit

Die Freunde von René Weller hatten es wirklich gut gemeint. Kaum dass der ehemalige Leichtgewichtseuropameister das Gefängnis in Calw verlassen hatte, durfte der frühere schlagkräftige Schnauzbartträger aus Pforzheim wieder in einen Boxring klettern. „Ich wollte den Kampf, damit die Leute merken, dass ich wieder da bin“, sagte Weller. Und wie er da war, in seinen grellgelben und knallengen Boxhöschen. Die trug er schon vor 20 Jahren.

In die Wege geleitet hatte diese Veranstaltung die Sport Events München, eine Gesellschaft, die Kampfabende bevorzugt im Circus Krone abhält. Und etwas ausgefallen war auch das Ambiente in Berlin-Moabit, wo sich am Sonntagabend ein ausgesuchtes Publikum versammelt hatte. Für 100 Euro konnte man die Boxer von weiß gedeckten Tischen beobachten – Dinnerboxer eben. Es war also angerichtet für einen, dessen Karriere schon immer geprägt war von einer engen Symbiose von Sport und Show.

Quasi als Vorspeise war ein gewisser Nikolaus Koehler im berüschten Hemd und breit gestreiftem Sakko in den Ring gekrabbelt. Im normalen Leben ist der Mann Strafverteidiger, nebenbei Hobbysänger und natürlich „Weller-Freund“, wie er sagte. Schließlich ließ er es sich nicht nehmen, eine kleine musikalische Kostprobe zum Besten zu geben. Frank Sinatras „My Way“ war unverkennbar das melodische Grundmotiv der Darbietung. Verbaler Tenor nach kleiner Umtextung war so etwas wie: „Der Star ist wieder hier, und das ist nicht der letzte Vorhang.“

Im Vorfeld der Veranstaltung hatte sich der Herr Koehler anderweitig verdient gemacht und beim Amtsgericht Tiergarten eine einstweilige Verfügung erwirkt, in der jedem, der versuchen sollte, den Weller-Kampf zu boykottieren, eine Strafe von 250 000 Euro angedroht wurde. Denn umstritten war der Auftritt Wellers von Anfang an. Gut vier Jahre hatte der gelernte Heizungsmonteur und Goldschmied hinter Gittern zugebracht. Zu sieben Jahren Haft war er vom Landgericht Karlsruhe wegen Drogenhandels, illegalen Waffenbesitzes und Hehlerei verurteilt worden. Die Reststrafe wurde zur Bewährung ausgesetzt. Der Bund Deutscher Berufsboxer (BDB) hatte den Comeback-Kampf verbieten wollen. Weller besorgte sich in Polen eine Lizenz.

Weller boxte also, aber ohne offiziellen Segen des BDB. Der BDB hatte seine Ringrichter abgezogen, weil Wellers tatsächlicher Gegner erst wenige Minuten vor Veranstaltungsbeginn feststand und verspätet über die Waage ging. Vor Kovac waren drei andere geplante Gegner ausgefallen. Der erste mochte nicht, der zweite war zu schwer, der dritte lag zwar im Limit von 61,2 Kilogramm, nur leider war er am Kampfabend verschwunden. Helmut Vasen, der Delegierte des BDB, erklärte zu den zweifelhaften Umständen: „Das war ein Show-Kampf, zu dem wir den Boxsportfreund Kurt Preuß als Ringrichter mit alleiniger Entscheidungs-Gewalt zur Verfügung gestellt haben.“

Der Boxsportfreund Preuß war es dann, der in der dritten Runde den Kampf unterbrach und beide Boxer zu mehr Aktivität aufforderte. Der brave Kovac hielt sich noch am ehesten daran. In der vierten Runde nämlich blinkte auf Wellers Nasenwurzel ein kleiner Cut. Dabei blieb es, bis dem slowakischen Juniorenmeister die Verletzung dazwischenkam. Auf die Frage, welche Hand denn nun verletzt sei, schüttelte dessen Trainer nur mit dem Kopf und winkte ab. In der Tat war es schwer vorstellbar, wann sich der 19-jährige Bursche während des Schattenboxens wehgetan haben soll.

Posen mit dem Nummerngirl

Die 600 Zuschauer in der Universal-Hall wussten nicht so recht, was sie mit dem Auftritt anfangen sollten. Manche pfiffen, andere klatschten. Wobei nicht ganz klar wurde, wofür es den Applaus gab. Für den tapferen Slowaken mit dem Schülergesicht oder doch den Umstand, dass der Spuk ein Ende hatte.

Unterhaltsamer waren die anschließenden Minuten nach der Urteilsverkündung. René Weller, der immer noch aufopferungsvoll an seinem Image als Frauenheld und Sexprotz feilt, posierte mit einem halb nackten Nummerngirl. „Mir geht es nicht ums Geld, sondern ich habe Spaß am Boxen“, sagte Weller. Es spricht für den 49-Jährigen, dass er erst gar nicht versuchte, ernst genommen zu werden. „Boxen ist Entertainment, mal mehr, mal weniger.“ Seinen stimmungsreichen Ausklang fand der Abend in einer Table-Dance-Bar in Mitte. Da dürfte der „schöne René“ eine bessere Figur abgegeben haben.

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