Sport : Täter oder Opfer?

Ein Platzverweis und seine Folgen: Dortmunds Torhüter Lehmann steht zu seinem Angriff gegen Amoroso

Richard Leipold

Gelsenkirchen. Für einen Augenblick muss Jens Lehmann so etwas wie Unrechtsbewusstsein entwickelt haben. Als Mannschaftskapitän Stefan Reuter ihn am Samstagnachmittag ausschimpfte wie einen kleinen Jungen, trat der Torwart von Borussia Dortmund den Rückzug an und hob schuldbewusst die Hände, als wollte er sagen: Ist ja schon gut, ihr habt Recht, ich habe einen Fehler gemacht.

Lehmann hatte den Fauxpas begangen, aus seinem Tor ins Mittelfeld zu eilen, um seinen Kollegen Marcio Amoroso zu rüffeln. Da der Torhüter verbal und farblich vorgewarnt war, verwies Schiedsrichter Herbert Fandel ihn des Feldes. Der sportgerichtlich mehrmals vorbestrafte Lehmann musste wieder einmal vor dem Abpfiff seinen Dienst beenden. Seine Demut war jedoch begrenzt. Der Dortmunder Profi räumte zwar ein, seiner Mannschaft durch den Angriff auf Amoroso geschadet zu haben. In der Sache hielt er seine Tirade gegen den launischen Mitspieler auch im Nachhinein für angebracht. „Ich hatte ihm etwas zu sagen und habe nicht damit gerechnet, dass er mich anfasst“, sagte Lehmann. „Man kann das manchmal nicht so kontrollieren auf dem Spielfeld.“

Die Kontrolle verlieren – das passiert dem Dortmunder Torhüter des Öfteren. Es war sein vierter Platzverweis in der Fußball-Bundesliga (siehe Kasten). Wenn er in Rage gerät, hält ihn nichts mehr an seinem Arbeitsplatz im Strafraum. Doch gerade vor dem Verlassen des eigenen Herrschaftsgebietes hatte der Unparteiische ihn gewarnt. Schon in der ersten Halbzeit war Lehmann aufgefallen, weil er von weit hergekommen war, um zu reklamieren. „Er war von mir in der Halbzeitpause informiert worden, dass es nicht möglich ist, ständig das Tor zu verlassen und 30 Meter nach draußen zu laufen“, sagte Fandel. Der Torwart habe durch seinen Streit mit Amoroso die Ausführung eines Freistoßes verzögert und das Spiel blockiert. Ob sich der Protest gegen einen eigenen Mitspieler oder gegen einen Gegner richte, sei in so einer Situation unerheblich.

Jens Lehmann indes wollte nicht wahrhaben, dass es ihm verboten sei, während des Spiels weite Wege zu gehen, um auf der Seite der Guten in der Dortmunder Mannschaft zu kämpfen. Ihm sei keine Regel bekannt, die „dem Torhüter verbietet, aus dem Strafraum zu laufen“. Es könne sich nur um eine Erfindung oder um eine Neueinführung handeln.

Trainer Matthias Sammer zeigte Verständnis für die Reaktion seines Torhüters. „Das hätte mir früher auch passieren können.“ Als Spieler war Sammer, wie Lehmann, von unbändigem Ehrgeiz. Profis mit dieser Einstellung, von den Fans oft genug gefordert, greifen nicht nur den Gegner an, wenn sie den Erfolg der Mannschaft in Gefahr sehen. Trotzdem kündigte der Klub an, Lehmann zu bestrafen. Um welche Art der Buße es sich handelt, blieb offen. „Wir behandeln das Thema intern“, sagte Sportmanager Michael Zorc.

Amoroso bleibt davon verschont. Dabei scheint er das Wohl des Dortmunder Kollektivs aus den Augen verloren zu haben. Sein Mangel an Gemeinschaftsgefühl reizte Lehmann so sehr, dass er auf dem Rasen jedes Maß und Ziel verlor.

So bleibt an dem Torwart der allseits erhobene Vorwurf hängen, sich undiszipliniert verhalten und die Mannschaft auf diese Weise in Schwierigkeiten gebracht zu haben. Die Ursache seiner jüngsten Entgleisung, der Konflikt mit Amoroso, ist mit dem Platzverweis noch nicht aus der Welt. Der brasilianische Stürmerstar, in dieser Saison nur ein Abklatsch des einstigen Torschützenkönigs, ruft durch sein Auftreten bei den eigenen Mitstreitern inzwischen mehr Verdruss hervor als bei Gegnern. Lehmann sieht sich dem berechtigten Vorwurf ausgesetzt, auf diese Art der Provokation unprofessionell reagiert zu haben, zumal als Spieler mit seiner Vorgeschichte. Der Schlussmann gerät hauptsächlich deshalb in die Kritik, weil er aus seinen Strafen nicht gelernt hat.

Lehmann gerierte sich in Schalke als unbeherrschter, vielleicht unbelehrbarer Spieler. „Das war ein klares Fehlverhalten“, sagte Manager Michael Meier. Aber die Wurzel des aktuellen Dortmunder Übels scheint Amoroso zu verkörpern. Was sein schärfster Kritiker Lehmann zu viel an Erfolgsbesessenheit hat, das hat der exzentrische Brasilianer zu wenig. Insofern war ein Zusammenstoß wie in Schalke nur eine Frage der Zeit. „So etwas baut sich manchmal über Tage und Wochen auf, und dann kommt eben eine etwas doofe Reaktion“, sagte Lehmann.

Wie es scheint, müsste in Dortmund jemand die Diva Amoroso verwarnen und bei anhaltender Nachlässigkeit vom Platz stellen. Diese Aufgabe kann den Borussen kein Schiedsrichter abnehmen.

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