Sport : Tag der großen Sprünge

Es war ein unfreundlicher, nasskalter Abend im November 2002, als der FC Augsburg wohl den Tiefpunkt seiner mit vielen Pleiten gespickten Pokal-Geschichte erreichte. Mit 0:2 verlor der damalige Regionalligist unter Trainer Ernst Middendorp das schwäbische Pokalhalbfinale beim Bayernligisten TSV Aindling. Als Aindling dann sogar die erste Hauptrunde des DFB-Pokals erreichte und mit dem FC Schalke 04 das große Los zog, war der Ärger in Augsburg noch größer. Nur etwas mehr als sieben Jahre ist das her, doch klingt es wie eine Anekdote aus grauer Vorzeit. Denn am kommenden Dienstag (20.30 Uhr, live im ZDF und bei Sky) spielt der FCA im Pokalhalbfinale beim Bundesligisten Werder Bremen im Weserstadion.

„Für uns ist das ein Quantensprung“, sagt Augsburgs Aufsichtsratsvorsitzender Peter Bircks. Das ist keine Übertreibung. Zu bester Fernsehzeit taucht der FCA in den deutschen Wohnzimmern auf – und das nicht nur im Bezahlfernsehen, sondern vor einem Millionenpublikum. Bircks, der früher mit Filmrechten handelte, weiß nur zu gut, welchen Imagegewinn und werbestrategischen Wert dies hat. Und er weiß auch, welch steiniger Weg hinter dem FCA liegt. Er selbst führte den Verein jahrelang als Präsident, trotz aller Anstrengungen gelang es ihm jedoch nicht, den Verein weiter als in die Dritte Liga zu bringen. Erst mit dem Einstieg des Unternehmers Walther Seinsch 2000 begann der Aufstieg. Von ganz unten gelang es Seinsch und seinen Mitstreitern nach dem Beinahe-Bankrott mit viel Arbeit, viel Geld, großem Durchhaltevermögen – aber auch mit einem großen Spieler- und Trainer-Verschleiß –, den FCA gesellschaftsfähig zu machen. Jetzt steht der Klub nur noch einen Pokalsieg von der Teilnahme an einem europäischen Wettbewerb entfernt, da die beiden anderen Halbfinalisten Bayern und Schalke sich wohl ohnehin für den Europapokal qualifizieren werden. Der Zweitligist ist in Bremen nur krasser Außenseiter („Unsere Chance liegt vielleicht bei zehn Prozent“, sagt Seinsch), aber schon die kleine Träumerei zeigt die neue Fußballwelt, in welche der Klub in dieser Saison einen Fuß gesetzt hat.

Viel wichtiger als ein Sieg in Bremen wäre allerdings der Aufstieg in die Bundesliga. Deshalb waren bei der Abschluss-Pressekonferenz vor dem Heimspiel am Samstag gegen den Tabellenletzten RW Ahlen alle Fragen zum Pokalspiel verboten. Nichts sollte die Konzentration stören. Mit Erfolg: Augsburg gewann 3:1 und hat als Zweitplatzierter der Zweiten Liga nun schon sieben Punkte Vorsprung auf einen Nichtaufstiegsplatz.

„Für uns ist das Spiel gegen Bremen das Highlight der Saison. Wir haben gar nichts zu verlieren – und darin liegt unsere Chance“, sagte Kapitän Uwe Möhrle. Michael Thurk, der auch gegen Ahlen traf und mit 21 Toren der mit Abstand beste Schütze der Zweiten Liga ist, gibt sich kämpferisch. „Wir wissen, was wir können. Aber auch, was wir für ein Kaliber vor der Brust haben“, sagte Thurk. „Wir brauchen einen Tag, an dem uns alles gelingt.“ In Augsburg werte man das Spiel auch als Belohnung für die starke Saison. „Es wird für uns alle, für die ganze Stadt, für die Region ein unglaubliches Gefühl sein“, sagteTrainer Jos Luhukay. mit dpa

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