Sport : Tag X, nächste Woche

Nach dem Debakel gegen Ungarn sucht Rudi Völler seine Mannschaft für den EM-Auftakt gegen Holland

Michael Rosentritt

Berlin - Rudi Völlers Ansprache in der Kabine war kurz. Nach der 0:2-Niederlage gegen Ungarn war der Teamchef für ein paar Minuten in die Mannschaftskabine gekommen und sprach zu seinen 23 Nationalspielern, die am Mittwoch nach Portugal zur Fußball-Europameisterschaft fliegen werden. „Rudi war sehr enttäuscht, und das ist schlimmer, als wenn er verärgert wäre“, sagte Jens Nowotny. Der Leverkusener Abwehrchef kennt Völler seit Jahren. Vor allem die Art und Weise, wie die Niederlage in Kaiserslautern zu Stande kam, dürfte Völler aufs Gemüt gedrückt haben. Nach eigener Auskunft will der Teamchef die zwei Tage Heimaturlaub dazu nutzen, seine Personalpolitik noch einmal zu prüfen. „Sicher hatte man schon so ein bisschen eine Formation im Kopf, doch nach einem Spiel wie diesem macht man sich seine Gedanken“, sagte Völler.

Am 15. Juni bestreitet die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ihr EM-Auftaktspiel gegen Holland. Viel Mut gemacht hat das Spiel gegen Ungarn nicht, aber auch die Holländer haben ihre Generalprobe (0:1 gegen Irland) verpatzt. „Wir alle arbeiten auf den Tag X hin. Der war nicht gegen Ungarn, der ist nächste Woche gegen die Niederlande“, sagte Völler. Der 44-Jährige prophezeite: „Für uns sieht die Zukunft nicht so schwarz aus, wie sie der eine oder andere jetzt malen wird.“ Ist es mehr als Völlerscher Zweckoptimismus? Die Mannschaft, die Holland Paroli bieten will, muss sich in all ihren Teilen steigern. Wie könnte Völlers EM-Formation aussehen?

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Das Tor: Hier ist Kapitän Oliver Kahn gesetzt. In den 13 Tagen der Vorbereitung trainierte er besessen, an den Gegentoren gegen Ungarn war er schuldlos. Doch die Frage bleibt, ob er wie bei der WM vor zwei Jahren Siege festzuhalten vermag. Nach wie vor unsicher wirkt er bei hohen Flankenbällen. Gegen Holland wird Kahn am Dienstag besonders motiviert sein. An diesem Tag wird er 35.

Die Abwehr: Rudi Völler bevorzugt eine Viererkette. Die personelle Bestückung gilt als sicher, auch aus Mangel an Alternativen. Jens Nowotny und Christian Wörns sind die beiden einzigen gelernten Innenverteidiger. Sie gehören zu den erfahrensten Spielern im Team. Völler wird an dieser empfindlichen Stelle kein Risiko eingehen, obgleich beide nicht mehr die Schnellsten sind und ihnen gegen Ungarn ungewohnte Stellungsfehler unterliefen. Die beiden Außenpositionen werden Arne Friedrich (rechts) und Philipp Lahm (links) besetzen. Andreas Hinkel und Christian Ziege sind für die Außenbahnen Ersatz, Frank Baumann ist es für die Position des Manndeckers.

Das Mittelfeld: Obwohl Torsten Frings und Bernd Schneider sich in einem Leistungsloch befinden, wird Völler auf beide nicht verzichten können. Frings ist universell einsetzbar, und den kreativen Schneider braucht Völler an der Seite von Michael Ballack. Dieser bildet zusammen mit dem etwas defensiveren Dietmar Hamann das Herzstück des deutschen Spiels. Ballack überzeugte als Ideengeber und Torschütze gegen Malta, blieb aber gegen die Schweiz und Ungarn wegen mangelnder Unterstützung durch Schneider und Frings blass. Hamann versucht, das Spiel zu ordnen, demonstriert bis auf das Ungarn-Spiel strategische und Führungs-Qualitäten. Bastian Schweinsteiger, Jens Jeremies, Fabian Ernst und Sebastian Kehl sind Ersatz.

Der Angriff: Der schwächste Mannschaftsteil. Bis auf Kevin Kuranyi hat niemand Form. Völler hatte auf Miroslav Klose gehofft, wurde aber enttäuscht. Klose hat seine Torgefährlichkeit eingebüßt, er wirkt psychisch nicht auf der Höhe. Über Fredi Bobic ließe sich Ähnliches sagen. Das harte Training hat bei dem 32-Jährigen Spuren hinterlassen. Für die Besetzung des Sturms wird sich Völler die meiste Zeit lassen. Der Teamchef wird die letzten Trainingseindrücke abwarten. Als erste Alternative zu Bobic gilt Thomas Brdaric, dessen Körpersprache wenigstens funktioniert. Der junge Lukas Podolski wird seine Chance wohl erhalten, aber noch nicht gegen Holland.

Siehe auch Seite 2, Fragen des Tages

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