Sport : Tagessieger gegen Gesamtsieger

Schalke schlägt meist die Bayern – am Ende sind dann die Münchner vorn

Richard Leipold[Gelsenkirchen]

Einen Augenblick hört es sich nach Werbung an. „Es ist das schönste Spiel, das man haben kann“, sagt Andreas Müller. So wie der Teammanager des FC Schalke 04 das Fußballspiel gegen den FC Bayern München anpreist, könnte man meinen, er zöge jeden Moment verstohlen ein paar Restkarten aus der Tasche und böte sie zum Verkauf an. Doch das braucht er nicht. Schalke gegen Bayern: diese Partie am Vorabend des hundertsten Geburtstages von Ernst Kuzorra, dem berühmtesten aller Schalker, ist längst ausverkauft, seit Wochen, seit Monaten. Mit seiner Botschaft vom „schönsten Spiel“ will Müller etwas anderes sagen: Schalke begegnet den Münchnern als gleichwertiger Konkurrent.

Im Duell eins gegen eins brauchen die Westfalen wirklich keine Angst vor den Bayern zu haben – sagt die Statistik. In den vergangenen fünf Jahren hat der Rekordmeister in Gelsenkirchen immer verloren, fünfmal in der Bundesliga, einmal im Pokalhalbfinale. Mit den vielen Siegen haben die Schalker sich Respekt verschafft – mehr aber auch nicht. Die Münchner können diese Spiele verlieren wie und so oft sie wollen, das Gesamtergebnis ist immer das gleiche. Bayern landet vor Schalke, meistens als Klassenbester. Königsblau muß sich mit dem Tagessieg trösten. Verkraften können die Schalker das nur schwer, wie die jüngere Geschichte zeigt. Im März gewann Schalke daheim wie in München 1:0 und verlor den Kampf um den Titel dennoch klar. Nach dem Heimsieg in der Rückrunde übernahm der Herausforderer die Tabellenführung, gab sie eine Woche später wieder ab, fiel zurück und konnte froh sein, am letzten Spieltag den zweiten Platz zu behaupten. Von den Bayern lernen, heißt für Schalke siegen lernen – im Spiel danach.

Auf der anderen Seite wird gerade in der Niederlage gegen Schalke eine Stärke des FC Bayern sichtbar. Die Münchner machen unbeeindruckt weiter, lassen sich von albernen Legenden wie dem vielzitierten „Arena-Fluch“ nicht weiter stören, weil sie wissen, daß sie auf die Zähler aus den sogenannten Sechspunktespielen nicht angewiesen sind. Anders die Schalker: Sie brauchen diese Siege, um aufzuholen, gleichzuziehen oder – im günstigsten Fall – den Gegner zu überflügeln. Auch jetzt wieder. „Wir können es uns nicht erlauben, zu verlieren, sonst wird es unglaublich schwierig, ganz oben ranzukommen“, sagt Kapitän Ebbe Sand. Gewinnen die Schalker, liegen sie nur noch zwei Punkte hinter dem Tabellenführer; verlieren sie, wächst der Rückstand auf acht Zähler. Solch einen Rückstand vermochte Schalke in der vorigen Saison zwar aufzuholen, „aber nur, weil wir eine Riesenserie hingelegt haben“, sagt Sand, „irgendwann sind wir dann in ein Loch gefallen“.

Im Vergleich zu den Bayern kämpft Schalke mit einer Doppelbelastung besonderer Art. Der Herausforderer muß nicht nur aus Niederlagen (gegen andere) lernen, sondern vor allem aus Siegen über den Titelverteidiger. Nach dem Erfolg gegen München in der Rückrunde der vergangenen Saison standen die Schalker an der Spitze und wähnten sich auf dem Weg zur Meisterschaft – für eine Woche. Dem großen Sieg dank Lincolns Freistoßtor folgte eine Niederlage beim Aufsteiger Mainz. Wenigstens so etwas kann dieses Mal nicht geschehen. Drei Tage nach dem Bayernspiel steht eine Partie in der Champions League an. „Wir sind froh, dann gegen Fenerbahce Istanbul zu spielen, das ist besser, als wieder nach Mainz zu fahren“, sagt Müller.

Beim Treffen mit dem Meister fühlen die Schalker sich wohl in der Rolle eines Außenseiters, der die Liga spannender machen könnte. „Wir sind nicht der Favorit, aber die Bayern sind auch nicht der Favorit, wenn sie hier bei uns spielen“, sagt Sand. Die Schalker machen sich sogar zum Anwalt der fußballinteressierten Allgemeinheit, mit Vollmacht für den Rest der Spitzengruppe. Für einen Spieltag hat das bisher auch gut geholfen.

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