• Tagesspiegel-Wahl: Bester defensiver Mittelfeldspieler: Lothar Matthäus, der geniale Zerstörer

Tagesspiegel-Wahl: Bester defensiver Mittelfeldspieler : Lothar Matthäus, der geniale Zerstörer

Unsere Jury hat Lothar Matthäus zum besten defensiven Mittelfeldspieler der Bundesliga-Geschichte gewählt. Matthäus’ Tragik ist, dass sich kaum einer mehr erinnert, welch begnadeter Stratege er war. Denn keiner demontierte sein Denkmal so wie er.

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Vorwärtsdrang: Noch mit 39 Jahren trieb Lothar Matthäus den Ball übers Feld. Manche werfen ihm selbst das vor.
Vorwärtsdrang: Noch mit 39 Jahren trieb Lothar Matthäus den Ball übers Feld. Manche werfen ihm selbst das vor.Foto: dpa

Wer wissen will, wie großer Fußball im vergangenen Jahrtausend aussah, darf sich gern noch einmal das erste deutsche Spiel bei der WM 1990 anschauen. 10. Juni in Mailand, Deutschland gegen Jugoslawien. Lothar Matthäus und Jürgen Klinsmann haben eine frühe 2:0-Führung herausgeschossen, aber kurz nach der Halbzeitpause treffen auch die Jugoslawen und auf einmal flattern die Deutschen aufgeregt und durcheinander über den Platz. Keiner mag sich so recht beteiligen am Spiel. Klaus Augenthaler, der sonst so tief in sich ruhende Abwehrchef, traut sich tief in der eigenen Hälfte nur, den Ball ein paar Meter nach vorn stupsen und delegiert die Verantwortung weiter an Lothar Matthäus.

Na, dann wollen wir mal.

Matthäus dreht sich einmal um die eigene Achse. Die um ihn herum hastenden Gegenspieler in den blauen Leibchen nimmt er nur am Rande wahr. Er treibt den Ball vor sich her wie ein Cowboy die Herde, seine Peitsche ist die Stiefelspitze, es ist immer die rechte. Neunmal tritt er zu. Kick Nummer acht scheint etwas lang geraten, aber auch das ist eingeplant, denn Matthäus braucht angemessen Anlauf für Nummer neun. Aus 25 Meter jagt er den Ball flach in die rechte Torecke, so wuchtig und platziert, dass der jugoslawische Torhüter auch nicht ansatzweise die Chance bekommt, seine Hand dazwischen zu bekommen.

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Lothar Matthäus’ Powersolo gegen Jugoslawien ist einer der beeindruckendsten Momente einer ansonsten wenig beeindruckenden Weltmeisterschaft. Am Ende gewinnen die Deutschen 4:1 und befreien sich selbst wie die vereinigte Gegnerschaft von allen Zweifeln auf dem Weg zum WM-Titel. Die „Gazzetta dello Sport“ titelt: „Matthäus, was für eine Magie!“ Und der deutsche Teamchef Franz Beckenbauer spricht über Lothar Matthäus in einem Ton, wie er sonst nur über sich selbst spricht: „Wenn er so spielt, gibt es keinen Besseren auf der ganzen Welt.“

Unsere Jury hat Lothar Matthäus mit 130 Punkten zum besten defensiven Mittelfeldspieler gewählt. Nur zwei Punkte fehlten ihm zum Maximalergebnis.
Unsere Jury hat Lothar Matthäus mit 130 Punkten zum besten defensiven Mittelfeldspieler gewählt. Nur zwei Punkte fehlten ihm zum...Grafik: Tsp

Beckenbauer hat in seinem jetzt bald 70 Jahre währenden Leben viel Blödsinn erzählt – und manchmal auch Recht gehabt. Ballack hin, Schweinsteiger her: Wahrscheinlich war Matthäus der beste deutsche Fußballspieler seit eben jenem Beckenbauer. Das Tragische daran ist, dass sich kaum noch jemand daran erinnern kann, daran erinnern will. In der allgemeinen Wahrnehmung ist Lothar Matthäus nicht der technisch perfekt ausgestattete Stratege mit der angeborenen Spielintelligenz. Sondern eine gescheiterte Existenz, deren Intelligenz nur für den Fußball reichte. Nicht der Athlet mit der gottgegebenen Physis, die ihn noch als 39-Jährigen auf höchstem Niveau spielen ließ. Sondern der Egomane, der auch mit 39 noch nicht aufhören wollte.

Lothar Matthäus ist für den Fußball, was Boris Becker für das Tennis ist. Eine Lichtgestalt, deren Absturz so selbstverständlich wie unbegreiflich erscheint.

Es ist billig, sich über Matthäus lustig zu machen. Über sein Scheitern als Trainer bei drittklassigen Mannschaften und als Begleiter ständig jünger werdender Frauen, beides hat die „Süddeutsche Zeitung“ einmal auf den Punkt gebracht mit der Einschätzung, dass „Lothar Matthäus nach allem, was man hört, das Zeug zum modernen Trainer hätte. Sein Problem ist nur, dass er sich von den hoffnungsvollen Talenten, die er fördert, meistens wieder scheiden lässt.“

Zum gleichen Ergebnis kamen auch unsere Online-User, die Lothar Matthäus mit 282 Stimmen deutlich vor Sami Khedira (58) sahen.
Zum gleichen Ergebnis kamen auch unsere Online-User, die Lothar Matthäus mit 282 Stimmen deutlich vor Sami Khedira (58) sahen.Grafik: Tsp

Wer Lothar Matthäus ein wenig näher kommt, wird ihn kaum als anmaßend-arroganten Schnösel empfinden. Eher schon als treuherzige und eher simpel strukturierte Persönlichkeit. Ist das ein Makel? Auch Franz Beckenbauer steht nicht im Verdacht, eine intellektuelle Leuchte und charakterfestes Vorbild zu sein. Er hat erst als Jugendspieler seine Freundin geschwängert und im Seniorenalter auch eine Sekretärin auf der Weichnachtsfeier seines FC Bayern. Beckenbauer ist als Steuersünder nach Amerika geflüchtet und glaubt fest an eine Wiedergeburt als Pflanze.

Niemand schert sich drum. Otto Rehhagel hat dieses Phänomen einmal so erklärt: „Wenn der Franz Beckenbauer morgen sagt ,Der Ball ist rechteckig’ klatschen alle Beifall und schreiben: ,Endlich hat es einmal einer gesagt.’“

Matthäus würden viele nicht mal die Behauptung abnehmen, der Ball sei rund (was er, streng mathematisch betrachtet, ja auch nicht ist).

Video: Matthäus' bestes Spiel in der Nationalelf

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