Taktik-Resümee : Allzeit bereit und nach vorn

Die EM 2008 wird für ihren Offensivfußball gefeiert. Völlig zu Recht, wenn man an die Jahre davor denkt. Grundlage der neuen Angriffsmentalität ist aber eine auf Fehler lauernde Defensive, schreibt unser Taktik-Experte Mathias Klappenbach.

Mathias Klappenbach

Wunderschön und mitreißend spielen – um dann gegen einen effizienten Gegner auszuscheiden. So lautet das klassische Motto einer Reihe von Nationen bei großen Fußballturnieren, und auch dieses Mal hat es die Niederlande, Portugal und im Halbfinale auch die streckenweise begeisternden Russen erwischt. Allerdings sind auch die berechnenden Franzosen und Italiener längst raus, von den mauernden Griechen und Schweden ganz abgesehen.

Diese Europameisterschaft ist, so lautet der allgemeine Konsens, ein Festival des Tempofußballs, dem unbedingten Willen zum Tor und der damit verbundenen Offensive. In Relation zur Weltmeisterschaft 2006 gesehen stimmt das absolut. Es hat tatsächlich ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Der Grundgedanke der meisten Mannschaften ist nicht mehr der, auf jeden Fall ein Tor des Gegners zu verhindern, und vorne auf einen wie Luca Toni zu hoffen. Das neue Denken hat zum Ziel, selbst ein Tor zu erzielen. Das ist auf dem Platz nicht immer sofort ersichtlich, da viele Mannschaften nur noch mit einem echten Stürmer und einem massierten Mittelfeld spielen. Auch der deutsche Bundestrainer Joachim Löw ist während der EM von seinem vier Jahre lang praktizierten 4-4-2-System abgerückt und hat den zweiten Stürmer durch einen zusätzlichen Mittelfeldspieler ersetzt. Der Wandel zu einem solchen System, in dem dafür drei Mittelfeldspieler eher offensiv ausgerichtet sind, ist eine logische Folge davon, dass Defensive und Offensive im Gegensatz zu früher viel mehr als Einheit gedacht werden. Der Übergang zwischen beiden Spielphasen ist fließend, und er soll vor allem schnell sein.

Die Zauberworte für das Anforderungsprofil an Mannschaft und einzelne Spieler heißen Flexibilität, Kreativität und schnelle mentale Beweglichkeit. „Entscheidend sind Intensität und Taktik. Wir sehen eine unglaubliche Mischung aus Dynamik und hohem technischen Standard“, sagt Andy Roxburgh, der die Technische Studiengruppe der Uefa leitet, die alle Spiele der EM analysiert. Der technische Standard ist in der Tat hoch – und Voraussetzung für die Spielweise, mit der immer mehr Mannschaften zum Erfolg kommen wollen.

Der neue Offensivfußball setzt durchaus zuerst auf eine funktionierende Defensive. Es geht aber gleichzeitig darum, bereit zu sein, um einen Stellungsfehler des Gegners mit einem blitzschnellen Angriff auszunutzen. Wie sehr sich die Aufmerksamkeit und Wahrnehmung zu diesen Momenten hin geändert hat, zeigt das Ausgleichstor der Portugiesen gegen Deutschland. Nicht Per Mertesacker, der bei dem weiten Pass auf Cristiano Ronaldo falsch postiert war, wurde hinterher in der Analyse als der Verursacher angesehen. Es war vielmehr Lukas Podolski, der mit einer Nachlässigkeit im Mittelfeld den vorentscheidenden Pass ermöglicht hatte, und das wurde auch von den Fernsehkommentatoren sofort erkannt.

Das war nicht immer so. Der Blick auf die Entstehung der Tore hat sich aber geschärft, seit die MAZ im Fernsehen bis vor die letzte Flanke zurückgefahren wird. Für das Verständnis des Spiels ist das sehr hilfreich, denn nur so lässt sich erkennen, was Offensive inzwischen ausmacht. Denn mit mehr als vier Spielern gleichzeitig bei dieser EM haben nur die Russen und die Spanier angegriffen. Die Russen haben dabei in der Offensive begeistert, indem sie nach Ballgewinn mit der halben Mannschaft und starken Kombinationen nach vorne geprescht sind. An den Spaniern sind sie aber zweimal hart abgeprallt und standen dabei in der Abwehr oft falsch. Auch Deutschlands Finalgegner spielt nach einem Ballgewinn schnell nach vorne, aber nicht so schnell wie es etwa die Holländer getan haben. Oft dreht der ballführende Spanier in Höhe der Mittellinie noch einen kleinen Kreis, um mitlaufende Mitspieler miteinzubeziehen – und gleichzeitig den anderen Kollegen die Gelegenheit zu geben, sich für den nächsten Gegenangriff aufzustellen. Denn nicht nur die Konter, wenn der Gegner nach einem Ballgewinn nicht ganz so kompakt steht, ist gefährlich. Auch der Konter des Konters wird immer wichtiger.

Diese Grundeinstellung hat dazu geführt, dass der Favorit bei dieser EM oft das schlechtere Spiel zeigte und auch ausschied, weil der Außenseiter aus der Defensive heraus häufiger zu schnellen Gegenangriffen kam. Dabei kann es durchaus sein, dass es zu einer gewissen Starre auf dem Spielfeld führt, wenn man auch für den Konter des Konters des Konters und so weiter gewappnet sein will, das haben Spiele wie Türkei gegen Kroatien oder Spanien gegen Italien gezeigt. Meist aber gelingen einige Hochgeschwindigkeitskombinationen mit der lauernden Offensivtaktik, oft mit dem wiederbelebten Stilelement des Doppelpasses. Wer die Starre der vergangenen Jahre vor Augen hatte, war für jeden dieser Angriffe bei der EM dankbar.

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