TAKTIKSCHULE mit Mathias Klappenbach : TAKTIKSCHULE mit Mathias Klappenbach

Ein bis zwei Minuten berührt ein einzelner Spieler während der 90 Minuten den Ball. Es bleiben also 88 Minuten, in denen er etwas anderes zur kollektiven Leistungsfähigkeit beisteuert. Dass er Aufgaben im Spiel ohne Ball hat und sich anstrengt, versteht sich von selbst. Seit einigen Jahren ist es unverzichtbar, dass jeder Spieler in das taktische Mittel des Verschiebens eingebunden ist: Einer oder mehrere Spieler verlassen ihre Position, um eine konkrete oder mögliche Unterzahlsituation zu verhindern beziehungsweise in einer bestimmten Zone Überzahl zu schaffen, um den Gegner unter Zeit- und Raumdruck zu setzen. Ein Fußballspiel ist ein großer Verschiebebahnhof. Dieses Spiel ohne Ball ist ein gemeinschaftlicher Vorgang, für dessen Verständnis das Bild von Fußballtaktik als Schachspiel mit an der Magnettafel verschiebbaren Figuren nicht ausreicht. Neben den athletischen Fähigkeiten und der Balltechnik sind die Anforderungen an den Spieler vor allem im psychologischen Bereich hoch, kognitiv muss er Eindrücke über Ball, Raum, Gegner und Spielsituation gleichzeitig verarbeiten können. Und sozial muss er dazu in der Lage sein, sich in die Gruppe einzubringen – eine wichtige Eigenschaft ist hierbei die Hilfsbereitschaft. Sie ist besonders beim Verschieben von Bedeutung, denn für die trainierten Automatismen ist das Spiel zu komplex. Die Menge an kleinen Situationen, die eine improvisierte Lösung benötigen, ist groß. Für eine gute Umsetzung des Verschiebens ist daher neben Konzentration auch der unbedingte Wille nötig, den anderen zu unterstützen; elf Freunde zu sein, macht hier einen großen Unterschied aus. Bisher überzeugen bei dieser WM Teams mit einem großen Willen zum Einsatz für das Kollektiv wie Uruguay, Chile, Mexiko oder eben Paraguay, die auf dieser Grundlage ihre Chance auch in der Offensive suchen. Frankreich, England oder die Italiener sind quasi das alte Europa – was hier bräsig, egozentrisch, in der Spielanlage zu wenig flexibel und in Gedanken zu langsam meint. Der Unterschied war trotz des Unentschiedens auch im ersten Spiel Paraguays gegen Italien zu sehen. Da erhielten Nelson Valdez und Lucas Barrios (Foto) als Stürmer keine guten Noten, machten ihren Job für das Kollektiv wie sonst in Dortmund unter Jürgen Klopp aber gut. Um nun gegen die Slowakei die Offensive zu stärken, spielt Trainer Gerardo Martino mit dem Gedanken, zusätzlich Roque Santa Cruz zu bringen. Der ist am Ball der Beste Paraguays, aber kein großer Kollektivspieler. Die anderen müssten ihm helfen.

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