TAKTIKSCHULE mit Mathias Klappenbach : TAKTIKSCHULE mit Mathias Klappenbach

Gezählt hat niemand, aber es sollen 7000 Videokassetten mit Fußballspielen gewesen sein, die Marcelo Bielsa bei der Weltmeisterschaft 2002 in Japan und Südkorea dabeihatte. Damals war er Trainer der argentinischen Nationalmannschaft und trug längst seinen Spitznamen „El Loco“, der Verrückte. Titelfavorit Argentinien schied in der Vorrunde aus – und, kaum vorstellbar, Bielsa blieb trotzdem noch zwei Jahre lang Nationaltrainer. Ein ungewöhnlicher Coach, der seine aktuelle Mannschaft ungewöhnlichen Fußball spielen lässt. Denn Chile stürmt in Zeiten, in denen Sicherheit vorgeht und die meisten Mannschaften mit einem echten Stürmer antreten, bedingungslos nach vorne. Das war in der WM-Qualifikation Südamerikas, in der Chile Zweiter hinter Brasilien wurde, ebenso zu sehen wie jetzt beim deutlich zu niedrig ausgefallenen 1:0 gegen Honduras. Viele Chancen wurden vergeben, der wieder genesene Torjäger Humberto Suazo (Foto) soll dies nun besser machen. Suazo ist nicht alleine: Chile spielt mit drei Spitzen, die wie das offensive Mittelfeld inklusive des häufig aufrückenden linken Verteidigers Arturo Vidal in das augenfälligste Merkmal der Spielweise eingebunden sind: das hochaggressive Angriffspressing. Viele Teams versuchen erst in der Abwehrzone, das heißt, in dem Drittel des Spielfeldes vor dem eigenen Tor, den Ball zu erobern und warten dort auf bestimmte Situationen, in denen sie den Gegner mit mehreren Spielern zugleich unter Druck setzen. Pressing verspricht mehr Erfolg in dem Augenblick, in dem sich der Gegner an der Außenlinie befindet, weil er eine Richtung weniger als in der Mitte zur Verfügung hat, um sich zu befreien. Zudem kann man die ballferne Seite relativ gefahrlos zugunsten der Pressing-Seite entblößen, weil der Ball bis dorthin erst einmal unterwegs ist. Besonders aussichtsreich ist es, den Gegner unter Druck zu setzen, wenn ein technisch schwächerer Spieler am Ball ist, ein hoher oder schneller Pass vom Gegner verarbeitet werden muss oder ein Spieler den Ball erhält, der gerade nicht viel Hilfe in der Nähe hat. Das hochaggressive Pressing von Bielsas Chile erfordert ständig die größte Angriffslust von den Spielern, sie müssen nach einem Ballverlust sofort auf Defensive umschalten und weite Pässe verhindern, da sie hinten nicht in der üblichen Überzahl stehen. Dafür aber vorne.

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