Sport : Taktikschulung am lebenden Objekt

Huub Stevens attackiert seine Spieler im Training – aber von einem Wutausbruch soll keine Rede sein

André Görke,Stefan Hermanns

Von André Görke

und Stefan Hermanns

Berlin. Dieter Hoeneß bekam Donnerstagabend einen Anruf in seinem Büro. Was er denn von den Ereignissen auf dem Trainingsplatz halte, wurde der Manager von Hertha BSC gefragt. Hoeneß hielt erstmal gar nichts davon. Manchmal verfolgt er am Computer in seinem Büro per Videokamera das Training der Fußballprofis, aber ausgerechnet an diesem Nachmittag hatte er an der Abteilungsleiter-Sitzung des Vereins teilnehmen müssen. Zu den Maßnahmen seines Cheftrainers konnte sich Herthas Manager daher zunächst einmal nicht äußern.

Am Mittag danach hatte der Vorsitzende der Geschäftsführung von Hertha BSC so etwas wie eine offizielle Sprachregelung gefunden. Während die Boulevardpresse „pure Wut“ bei Huub Stevens beobachtet hatte und eine „öffentliche Abrechnung mit seinen Versagern“, interpretierte Hoeneß die Trainingseinheit als „eine taktische Übung“. Er halte das „für normale Trainingsarbeit, dass man den Spielern zeigt, wo die Fehler sind“. Huub Stevens hatte die Spieler so auf dem Trainingsplatz postiert, wie er sie auch am Abend zuvor im Uefa-Pokal gegen Grodzisk aufgestellt hatte. Der Rasen als Taktiktafel zur Taktikschulung am lebenden Objekt. „Wenn man eine englische Woche hat“, dem Trainer also nicht viel Zeit bleibt, „dann tut man das im Spaziergang“, sagte Stevens. 18 Minuten dauerte die Analyse.

Herthas Trainer hatte jeden der elf Spieler einzeln angesprochen und jedem erklärt, welche taktischen Fehler er begangen hatte – vor Zuschauern, Journalisten und vor allem vor der laufenden Kamera eines Fernsehteams vom DSF. Zu Artur Wichniarek etwa sagte Stevens: „Scheißposition, Artur? Oder? Das hast du mir auch gezeigt. Aber du spielst nicht für dich, sondern fürs Team.“

Stevens bestritt am nächsten Tag, dass die Zitate stimmten, die er in den Zeitungen gelesen hatte. Der Wahrheitsgehalt liege bei 30 Prozent. Und ein bisschen lauter sei er nur deshalb geworden, „um alle zu erreichen“. Der Trainer hatte schon vor der Trainingseinheit angekündigt, dass er vor dem wichtigen Spiel gegen den Hamburger SV (Sonntag, 17.30 Uhr) versuchen werde, viele neue Impulse zu geben. Als Abrechnung hätten die Spieler seinen Auftritt nicht aufgefasst. Der verletzte Marcelinho habe sogar am Rand gestanden, den Daumen gehoben und ihm damit signalisiert: Super, Trainer! „So ist es gewesen, und nicht anders“, sagte Stevens.

Manager Hoeneß sprach am Freitag mit den Spielern, um sich ein Bild von den Ereignissen des Vortages zu machen. Danach klagte er über „Interpretationen, die nicht der Wahrheit entsprechen. Die Spieler hatten nicht das Gefühl, dass es eine öffentliche Abrechnung war.“ Arne Friedrich empfahl seinen Kollegen, sie sollten ob der Schelte ihres Trainers jetzt „nicht sensibel reagieren“, und Niko Kovac empfand die Taktikschulung an der frischen Luft als „willkommene Abwechslung. Das war eine gute Geschichte.“

Stevens hatte dem Neuzugang aus München unterstellt, dass er gegen Grodzisk schon nach fünf Minuten platt gewesen sei. „Ich kann die Verärgerung verstehen“, sagte Kovac. So ähnlich äußerten sich die meisten Spieler. „Jede Kritik vom Trainer ist gerechtfertigt“, sagte Fredi Bobic. „Ob die Art und Weise okay war, will ich nicht beurteilen.“ Marko Rehmer war zwar ein bisschen überrascht, den Tonfall aber empfand er nicht als ungewöhnlich. „So reden wir immer in der Kabine.“ Und auch Kapitän Dick van Burik, dessen Einsatz am Sonntag ebenso gefährdet ist wie der von Andreas Neuendorf, äußerte Verständnis für Stevens: „Wir spielen halt einen Scheißdreck zusammen. Da kann man es dem Trainer nicht verwehren, wenn er mal ein paar harte Worte gebraucht.“

Vielleicht haben sich die Spieler auch einfach schon an den neuen Umgangston gewöhnt. Bevor Stevens auf dem Platz loslegte, hatte bereits Dieter Hoeneß in der Kabine fast eine Dreiviertelstunde lang zum Team gesprochen. „So ein Druck war noch nie da“, sagte Denis Lapaczinski nach den Entwicklungen der vergangenen Tagen. Gestern immerhin konnten die Berliner in aller Ruhe trainieren. Trainer Stevens hatte die Einheit ins Olympiastadion verlegt. Zuschauer waren nicht zugelassen. Zuhörer auch nicht.

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