Sport : Taktischer Selbstbetrug

Die Bayern reden sich nach dem mühsamen 2:1 gegen Gladbach gute Chancen gegen Chelsea ein

Daniel Pontzen[München]

Es war eine verwegene Unterstellung, aber sie passte ins Bild dieser ruhelosen Tage. Michael Ballack war am Samstagabend zugetragen worden, dass ihn Chelseas John Terry als Schwalbenkönig geadelt hatte, wegen seines Sinkflugs in der Schlussminute des Hinspiels – doch Ballack störte sich nicht daran, im Gegenteil. „Vielleicht zeigt das, dass sie ein bisschen nervös sind“, vermutete der Spielmacher der Bayern und lächelte zufrieden.

Schon nach dem 2:4 an der Stamford Bridge vergangenen Mittwoch hatten die Münchner allerlei erstaunliche Interpretationen des Ergebnisses in Umlauf gebracht. Von riesigen Zeichen der Hoffnung hatten sie gesprochen, und einige klangen, als sei die Beinahe-Klatsche das Wunschergebnis gewesen. Unter diesem Eindruck scannten die Beteiligten das mühsam erwirkte 2:1 gegen Mönchengladbach gleichfalls nach Indizien ab, weshalb man am Dienstag doch noch weiterkommen werde. Die lange Zeit schwache Vorstellung fand in der Analyse keine große Berücksichtigung.

Trainer Felix Magath behagte vielmehr die Tatsache, dass seine Elf trotz Rückstands noch gewann. „Wenn das kein Selbstvertrauen gibt, ein Spiel umzudrehen, dann weiß ich es auch nicht“, sagte Magath. Schließlich gelte es gegen Chelsea ebenfalls zunächst den Schaden des Hinspiels zu reparieren. Zweifellos schwerer wäre dies geworden, wenn die Münchner mit der Hypothek eines Rückschlags in der Liga hätten auflaufen müssen. „Es war auch für Dienstag wichtig, dass wir heute keine Punkte abgegeben haben“, sagte Ballack „jetzt haben wir in der Meisterschaft drei Punkte Vorsprung.“ Von Vorteil wäre, wenn sich das ganze Team genau wie Ballack der eigenen Fähigkeiten bewusst wäre – oder zumindest dessen, was er dafür hält. „Wir haben gezeigt, dass wir zu Hause jeden Gegner schlagen können“, sagte Ballack nach dem Spiel gegen den Tabellen-Vierzehnten in einem Anflug von taktischem Selbstbetrug – ohne zu erwähnen, woher er dieses Wissen bezieht. Gegen jene Konkurrenten nämlich, mit denen sich die Münchner ebenbürtig wähnen, sprang in den letzten Jahren eine sehr überschaubare Zahl an Siegen heraus: Aus der letzten Saison ist die Erinnerung frisch an das 1:1 gegen Real Madrid und das 1:3 gegen Werder, in diesem Spieljahr hieß es gegen Schalke und Juventus Turin jeweils 0:1.

Mut schöpfen die Münchner aus der Tatsache, dass der erste Angriff wohl wieder einsatzbereit ist. Roy Makaay begnügte sich gegen Gladbach damit, Spielpraxis zu sammeln; Claudio Pizarro kurierte seinen Muskelfaserriss aus, es sieht so aus, als könne er am Dienstag spielen.

Gegen den englischen Spitzenreiter Chelsea können sich die Münchner allerdings keinen derart müden Start wie gegen Gladbach leisten, als sie 65 Minuten benötigten, um ihr erweitertes Warmlaufen abzuschließen. Ballack schlug deshalb vor, sich mittels technischer Hilfe stets an die Dringlichkeit eigener Aktivität zu erinnern: „Wir liegen 0:2 zurück, wir müssen einen Rückstand aufholen. Vielleicht blenden wir das am besten auf der Anzeigetafel ein.“ Dank seines späten Elfmetertreffers im Hinspiel sind es nur zwei Tore, die der FC Bayern aufholen muss, und das „ist schon ein Unterschied“, sagte Makaay. „Bei drei Toren musst du von Anfang an blind nach vorne laufen, bei zweien reicht theoretisch ein Tor in der ersten und ein Tor in der zweiten Halbzeit.“ Dass dies schwer genug wird, hat auch Manager Uli Hoeneß erkannt, der die einzig realistische Einschätzung für Dienstag ausgab: „Wenn die Zuschauer mitgehen und wir einen wunderbaren Tag erwischen, dann haben wir möglicherweise eine Chance.“

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