Sport : Talent auf dem Sprung

Bei der Hallen-WM der Leichtathleten in Moskau ist Silke Spiegelburg mit 19 Jahren die Jüngste im deutschen Team – und wird im Stabhochsprung Achte

Jörg Wenig[Moskau]

Jünger als alle anderen um sie herum zu sein, das kennt Silke Spiegelburg schon. Mit 19 Jahren ist die Stabhochspringerin von Bayer Leverkusen auch jetzt wieder die jüngste Sportlerin im Team des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) bei den Hallen-Weltmeisterschaften in Moskau. Die Jüngste im DLV-Team war sie auch schon bei den Weltmeisterschaften der Unter-18-Jährigen 2001 oder den Junioren-Europameisterschaften 2003, die sie jeweils gewann. Dann war Silke Spiegelburg 2004 die jüngste deutsche Leichtathletin bei den Olympischen Spielen. Als 18-Jährige stand sie im Finale von Athen und wurde 13. Bei Olympia war sie auch die beste deutsche Stabhochspringerin, und das Gleiche gelang ihr nun bei ihren zweiten großen internationalen Meisterschaften: Als einzige Deutsche war sie am gestrigen Sonnabend im Stabhochsprungfinale, belegte dort allerdings mit nur 4,30 Meter den achten und letzten Platz. In der Qualifikation war sie noch 4,45 Meter gesprungen, was im Finale Platz sieben bedeutet hätte. „Ich weiß nicht, was los war. Schade, denn eigentlich hatte ich mehr drauf“, sagte Silke Spiegelburg. „Aber die Saison war lang. Ich habe gemerkt, dass mir im Anlauf Schnelligkeit fehlt.“ Enttäuscht sei sie nicht, „es war gut, ins Finale gekommen zu sein.“ Schließlich hatte sie die interne WM-Norm des DLV (4,50 Meter) bei den deutschen Meisterschaften um fünf Zentimeter verfehlt – der Verband hatte sie dennoch nominiert.

Am nächsten Freitag feiert Silke Spiegelburg ihren 20. Geburtstag. Und sie hat den schweren Sprung vom hoffnungsvollen Nachwuchstalent in die internationale Klasse längst geschafft. Den bisher wichtigsten Schritt in ihrer Karriere schaffte Silke Spiegelburg am 25. August 2005. An jenem Tag verbesserte sie den Junioren-Weltrekord um einen Zentimeter auf 4,48 m. Das ist vor allem deshalb so bemerkenswert, weil der alte Rekord von Jelena Isinbajewa aufgestellt worden war. Die russische Olympiasiegerin ist inzwischen die dominierende Stabhochspringerin der Welt und sprang im vergangenen Sommer als erste Frau über fünf Meter. In Moskau siegte sie gestern mit 4,80 Meter, scheiterte aber dreimal beim Versuch, mit 4,93 Meter einen neuen Weltrekord aufzustellen.

Vergleicht man die Entwicklungen der beiden Springerinnen, bewegt sich Silke Spiegelburg fast genau auf jenem Leistungsniveau, das auch Jelena Isinbajewa in ihrem Alter hatte. Als 16-Jährige war sie mit 4,20 m der Russin sogar um 20 Zentimeter voraus. Es scheint, als ob sich hier ein neuer deutscher Leichtathletik-Star entwickelt. Doch Vergleiche mit Isinbajewa mag Silke Spiegelburg überhaupt nicht. „Natürlich habe ich mich gefreut, dass ich ihren Junioren-Weltrekord gebrochen habe“, sagt sie. „Aber ich will meinen eigenen Weg gehen und herausfinden, wie weit ich noch komme.“

Auch in der Familie musste Silke Spiegelburg als Jüngste ihren Weg finden. Als Sportstudent hatte ihr Vater Ansgar einst auch Stabhochsprung betrieben und später die Söhne Henrik, Christian und Richard in der Lieblingssportart der ganzen Familie betreut. Während Christian aufgrund einer Verletzung seine Karriere beendet hat, ist Richard noch aktiv und war bei der WM 2001 Sechster.

„Ich habe keine Vorbilder, aber meine Brüder haben mich immer beeindruckt“, erzählt Silke Spiegelburg. „Als ich klein war, hat mich fasziniert, wie sie in diese riesige Matte gesprungen sind.“ Mit zehn Jahren versuchte sie sich das erste Mal, mit 14 sprang sie bereits 3,75 Meter. „Stabhochsprung hat für mich etwas von Fliegen und Freiheit“, sagt sie. Nach dem Abitur 2005 folgte sie ihrem Bruder Richard von ihrem Heimatverein LG Lengerich zu Bayer Leverkusen. Inzwischen lebt sie in Köln und hat mit dem gut acht Jahre älteren Bruder eine Wohngemeinschaft gegründet. „Es ist gut, mal etwas Neues zu erleben“, sagt Silke Spiegelburg. Trainiert wird sie von Leszek Klima, einem der erfolgreichsten Stabhochsprung-Trainer der Welt.

Ihr Vater hat seine Trainer-Tätigkeit inzwischen beendet. Silke Spiegelburg ist sein jüngstes Kind – es könnte gut sein, dass es sein erfolgreichstes wird.

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