Sport : Talente, die sich selbst genügen

Frank Bachner

Kein deutscher Rekord, keine Weltklasseleistung, die Zahl der Medaillenkandidaten für die EM offiziell von 15 auf zehn abgesenkt. Das ist das Fazit der deutschen Leichtathletik-Meisterschaften in Ulm. Willkommen im Mittelmaß? Naja, Differenzierungen müssen schon sein. Erstens fehlten verletzte Spitzenkräfte, zweitens lässt sich von der Papierform wenig für einen Höhepunkt hochrechnen. Diskus-Star Franka Dietzsch versagte bei Olympia 2004, Speerwerferin Christina Obergföll wurde 2005 sensationell WM-Zweite, das sahen die Planungen nicht vor.

Aber natürlich ist Ulm auch ein Symbol für Struktur- und Marketingprobleme. Viele Oldies sind Medaillenkandidaten, weil die Jungen sie zu wenig bedrängen. Es gibt ehrgeizige Talente, man hat sie auch in Ulm gesehen, aber es gibt auch viele, die sich, abgesichert durch Bundeswehr und Bundespolizei, selbst genügen. Von denen stoßen zu wenige in den Kreis potenzieller Medaillenkandidaten vor. 19 Medaillen wie bei der EM 2002 holen die Deutschen in Göteborg nicht, das lässt sich trotz aller Unwägbarkeiten prophezeien. Vor allem aber dominieren die Deutschen unverändert in den falschen Bereichen. Mit Kraftdisziplinen kann man Leichtathletik nicht vermarkten. Sponsoren, Zuschauer, TV-Sender wollen Siegertypen in den Laufdisziplinen. Nach und neben Dieter Baumann gab es mal Europameister Ingo Schultz (400 m) und Olympiasieger Nils Schumann (800 m). Sie sind in der Unauffälligkeit verschwunden. Schultz wurde in Ulm Achter. Aber die Leistungsdichte weltweit in diesen Disziplinen ist enorm, einen deutschen Siegläufer dauerhaft zu etablieren, ist schwer. Also sollte man Erwartungen zurückschrauben. Tobias Unger, der verletzte Olympiasiebte über 200 m, verzichtet auf die EM, weil er langfristig den Erfolg sucht. Er ist grundsätzlich fähig, regelmäßig in internationalen Finals mitzusprinten. Das sollte man durchaus als Erfolg betrachten.

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