Sport : Tandem auf Tour

Jan Ullrich hat in Frankreich einen besonderen Mechaniker dabei: seinen Bruder Stefan

Hartmut Scherzer

Bordeaux. Die Ähnlichkeit ist unverkennbar. Auch ohne rotbraunes Haar. Der groß gewachsene, kräftige Mechaniker, der im Fuhrpark am Rad mit der Nummer 131 schraubt, ist Jan Ullrichs Bruder. „Los, fragen Sie“, sagt Stefan Ullrich, 32, etwas schroff, als wolle er bei der Arbeit eigentlich nicht gestört werden. Seit er bei der Tour de France die Räder des Teams Bianchi hegt und pflegt, ist auch er ein Star. Denn er ist der große Bruder, der für seinen kleinen, berühmten Bruder das Arbeitsgerät in Ordnung hält.

„Hundert Journalisten waren schon da“, sagt Stefan Ullrich knapp und schaut zur Seite. Natürlich übertreibt er maßlos, aber vielleicht nur deshalb, weil er in seine Arbeit vertieft ist. Und da braucht es Genauigkeit und Konzentration. Während er spricht, kurbelt Stefan Ullrich die Pedale des Rennrads, schaltet die Gänge, lauscht dem Surren und Klacken der Kette beim Sprung von Zahnkranz zu Zahnkranz. Das gleichmäßige Geräusch hören seine Ohren am liebsten. Stefan Ullrich lacht. Dann zupft er mit seiner Hand am linken Ohr, ganz beiläufig. Am Ohr hängt ein Goldring – der gleiche Schmuck wie bei Jan.

„Es ist ein schönes Gefühl, mich für meinen Bruder nützlich zu machen“ sagt Stefan Ullrich. Das heiße aber nicht, dass er den Kapitän gegenüber dem Rest des Teams bevorzuge. „Alle Räder sind gleich. Das gebietet schon meine Berufsehre.“ Sämtliche Räder würden er und seine Kollegen mit derselben Akribie herrichten. Nur: „Bei Jans Rad darf ich keinen Fehler machen.“

Einen Defekt am Rad seines Bruders würde sich Stefan Ullrich nicht verzeihen. Nicht nur, weil Jan der Bruder, sondern vor allem, weil er der Kapitän, der einzige Rivale von Tour-Favorit Lance Armstrong ist. Um Jan Ullrich dreht sich alles. Vor dem Mannschaftszeitfahren haben die Mechaniker bis morgens um halb fünf an vier nachgelieferten Spezialrädern geschraubt. Eine Nachtschicht ist auch vor dem entscheidenden Einzelzeitfahren am Samstag geplant.

Im Januar, als Jan Ullrich bei Coast unterschrieben hatte, rief der deutsche Radstar seinen Bruder an und fragte: „Stefan, willst du zu mir ins Team kommen?“ Der Bruder hatte sich längst als Fahrrad-Fachmann einen Namen in der Branche gemacht, obwohl er sich sportlich nicht als Radrennfahrer betätigt hatte wie die jüngeren Brüder Jan und Thomas. Stefan Ullrich war Mittelstreckenläufer und brachte es dabei immerhin zum DDR-Juniorenmeister über 800 Meter.

In Seminaren hat er sich das Handwerk am Rennrad beigebracht. Beim Bund Deutscher Radfahrer war der älteste der vier Ullrich-Brüder von 1999 bis zu Jan Ullrichs Anruf angestellt – auch bei Welt- und Europameisterschaften war er für das Material verantwortlich. „Bei Peter Weibels Ü23-Mannschaft war ich sogar Chefmechaniker“, erzählt Stefan Ullrich und grinst wieder. „Ich war der Einzige.“

Das brüderliche Verhältnis sei immer „ausgewogen“ gewesen, auch wenn sie sich nicht oft gesehen haben. Zu Weihnachten habe sich die Familie meistens bei Jan Ullrich in Merdingen getroffen, die Mutter, er, Thomas und der erst zehn Jahre alte Felix.

Für Stefan Ullrich ist es die erste Tour, er findet alles noch recht aufregend. Bei den halsbrecherischen Abfahrten in den Pyrenäen zitterte der Bruder im Begleitwagen mit. „Bei Jan denke ich ans Beten.“

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