Sport : Tanz auf dem kaputten Zeh

Marco Reus und Mönchengladbach zeigen sich in grandioser Form.

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Oben bleiben. Marco Reus hat noch Kraft, Torschütze Mike Hanke zu tragen. Foto: AFP
Oben bleiben. Marco Reus hat noch Kraft, Torschütze Mike Hanke zu tragen. Foto: AFPFoto: AFP

Wie macht er das bloß?

Auch unter Einsatz modernster technischer Hilfsmittel (Zeitlupe, Superzeitlupe) war am Freitag nicht zu klären, wie dieses blonde Bürschlein tief in der zweiten Halbzeit den Ball zwischen seinen Füßen hin und her flitzen ließ wie einst der Pinball Wizard eine Flipperkugel. Drei Verteidiger standen Spalier, und nur ein Reflex des Kölner Torhüters Michael Rensing verhinderte, dass Marco Reus sein Zauberkunststück mit einem Tor krönte. Es wäre das vierte gewesen für Borussia Mönchengladbach an diesem denkwürdigen Abend. Mit der 0:3-Niederlage war der alte Lieblingsfeind aus Köln noch gut bedient.

Die Leichtigkeit ist als Wissenschaft weitgehend unerforscht, und die bedauernswerten Kölner versuchten erst gar nicht, das Phänomen Marco Reus näher zu ergründen. Noch verstörender muss es ihnen erscheinen, was der Gladbacher Mannschaftsarzt am nächsten Tag mitzuteilen hatte. Dass nämlich Marco Reus fast das gesamte Spiel über mit gebrochen Zeh getanzt hatte. Er muss ein paar Tage pausieren, vielleicht auch am kommenden Samstag gegen die Borussia aus Dortmund, die sie in Gladbach nur „die falsche Borussia“ nennen.

Vor ein, zwei Wochen noch hätte der drohende Verlust des grandiosen Solisten in Mönchengladbach schwere Depressionen hervorgerufen. In Köln aber demonstrierte die neue Macht vom Niederrhein, dass ihr von keinem Umfrageinstitut vorhergesagter Aufwärtstrend nicht nur der Kunst eines Einzelnen geschuldet ist. So schwierig es auch ist, sich dem Zauber von Marco Reus zu entziehen – ein statistisches Detail verdiente am Freitag besondere Beachtung. Zum ersten Mal seit Anfang Oktober schoss er mal kein Tor. Dafür traf der oft unterschätze Mike Hanke zweimal.

„Zur Zeit gelingt uns einfach alles“, erzählte Reus am späten Abend in den Katakomben des Kölner Stadions, als Adrenalin und Endorphine noch den Schmerz des gebrochenen Zehs betäubten. Kölns norwegischer Trainer Stale Solbakken resümierte ehrfurchtsvoll, dass „wir gegen die zur Zeit beste Mannschaft der Liga verloren haben“. Dem Gladbacher Kurzpassspiel hatte der 1. FC Köln wenig bis gar nichts entgegenzusetzen.

Für Lucien Favre war es im 30. Pflichtspiel als Trainer der Borussia der 18. Sieg. Den Sprung in die höchsten Sphären des deutschen Fußballs schaffte der Schweizer mit exakt der Mannschaft, die in der vergangenen Saison erst in zwei Relegationsspielen gegen den Zweitligadritten VfL Bochum den Abstieg verhindert hatte.

Das wird oft erzählt in diesen rosaroten Novembertagen, auch und immer wieder von Lucien Favre, auf dass doch bitte niemand im Klub auf die Idee komme, von der Champions League zu phantasieren oder gar von der Meisterschaft. Und doch hat Favre am Freitag nach dem Schlusspfiff so ekstatisch gejubelt wie lange nicht mehr. Ein paar Meter weiter stand Solbakken, er schaute traurig hinüber zu seinem Kollegen und stellte sich mutmaßlich dieselbe Frage, mit der seine Verteidiger das Phänomen Marco Reus zu ergründen versuchten:

Wie macht er das bloß?

Wie die Schiedsrichter das Spiel erlebten: Die Reportage, Seite 8

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