Sport : Tanze Hertha mit mir

Marcelinho rehabilitiert sich und erzielt wie Preetz zwei Tore – am Ende heißt es 6:0 gegen 1860 München

Klaus Rocca

Berlin. Huub Stevens nahm ihn in den Arm und flüsterte ihm was ins Ohr. Marcelinho schien gefallen zu haben, was er da vom Trainer hörte. Lachend ging er, nach 76 Minuten ausgewechselt, zur Bank. In dieser Woche hatte der Brasilianer wenig zu lachen, gestern umso mehr. Von den Fans gefeiert, schoss er zwei Tore und trug damit einen beträchtlichen Teil zum höchsten Saisonsieg von Hertha BSC bei, dem 6:0 (3:0) gegen 1860 München. „Jetzt wird gefeiert“, sagte Marcelinho. Und niemand rümpfte die Nase, denn heute hat er wie seine Mannschaftskameraden trainingsfrei.

Der trainingsfreie Tag war ohnehin vorgesehen, war also kein Präsent von Stevens. Der wirkte nach dem Torfestival nach drei torlosen Spielen gegen Bielefeld, Porto und den HSV auch nicht so, als wollte er Komplimente oder gar Geschenke verteilen. „Zur Euphorie besteht kein Grund. Wir haben heute was fürs Torverhältnis getan, aber deshalb träumen wir jetzt nicht gleich von der Champions League“, sagte Stevens eher unwirsch. Vielleicht hatte er kurz vorher auf die Tabelle gesehen. Dort steht Hertha weiter auf dem siebenten Rang.

Dennoch – es war einer der wenigen großen Hertha-Tage in dieser bislang so freudlosen Saison. „Weil wir nach den letzten Spielen und den negativen Schlagzeilen mit Wut im Bauch gespielt haben“, sagte Gabor Kiraly. Wobei der Ungar selbst seine Wut noch am wenigsten abreagieren konnte: Nicht ein einziges Mal wurde er geprüft. Kiraly: „Ich wäre fast eingeschlafen.“

Was die peinliche Darbietung der Münchener unterstreicht, auch wenn ihnen die offizielle Spielstatistik kurioserweise 51 Prozent gewonnene Zweikämpfe zuwies. Wo waren die Sebastian Lauth und Markus Schroth, die zusammen schon 22 Saisontore erzielt haben? Gehörten die Löwen nicht zu den wenigen Mannschaften, die auswärts erfolgreicher waren als im eigenen Stadion? „Das war schon blamabel, wie wir uns präsentiert haben“, schimpfte Präsident Karl-Heinz Wildmoser. Das sahen die wenigen Münchener Fans ähnlich. „Wir haben die Schnauze voll“, brüllten sie schon früh, auch in Richtung Trainerbank. Da war es nur allzu verständlich, dass die Spieler und Coach Peter Pacult nach dem Schlusspfiff den Kontakt mit ihren Anhängern mieden. Umso mehr genossen die Herthaner die Nähe zu den Fans. Schon früh schwappte La Ola durch das mit 32 000 Zuschauern besetzte Olympiastadion, später befolgten die Aufforderung „Steht auf, wenn ihr Herthaner seid“ fast alle. „Es hat mich besonders für die Fans gefreut“, sagte Manager Dieter Hoeneß.

Die feierten natürlich die gesamte Mannschaft, im Speziellen aber neben Marcelinho auch die Doppel-Sturmspitze Michael Preetz und Luizao. Den Mannschaftskapitän, weil er wie Marcelinho zwei Tore erzielte und mit seinen 81 Treffern Herthas Rekordtorschützen Erich Beer (83) nun immer näher rückt. Luizao, weil er per Elfmeter – dank des Verzichts von Marcelinho – nicht nur sein erstes Bundesligator schießen durfte, sondern auch sonst gute Szenen hatte. Zum Beispiel als er Marcelinho zu dessen zweitem Tor den Ball mit dem Kopf vorlegte.

Wie an diesem Nachmittag überhaupt alles passte. So wie meist, wenn man erst einmal klar führt. Davon profitierte auch Stefan Beinlich, der sich für eine Vertragsverlängerung empfahl, auch wenn Dieter Hoeneß davon noch nichts wissen wollte: „Wir machen das nicht von einem Spiel abhängig.“

Besonders dann nicht, wenn der Gegner das Siegen so einfach macht. Weil er vorn harmlos war, weil er sich durch die Gelb-Rote Karte von Martin Stranzl (68.) selbst dezimierte und weil er mit Simon Jentzsch einen schwachen Schlussmann hatte. Der sorgte für einen kuriosen Abschluss, als er im Liegen erst mit dem linken und dann mit dem rechten Fuß ins eigene Tor das halbe Dutzend voll machte.

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