Sport : Tapfer gegen die Heilsarmee

Kein Spielfluss, keine Tore, aber großer Kampf – Hertha BSC ist mit dem 0:0 beim FC Aberdeen nicht unzufrieden

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Von Sven Goldmann

Aberdeen. Das Pittodrie-Stadion zu Aberdeen zählt nicht unbedingt zu den idyllischsten Fleckchen auf Erden. „Home of the Red Army“ steht über dem Eingang, die Arena ist auf einem alten Müllberg errichtet, in direkter Nachbarschaft liegt ein Friedhof, und an der Gegentribüne hat sich das Albyn Hospital, ein örtliches Krankenhaus, die Rechte an der Bande gesichert, um für seine Dienstleistungen zu werben. Was immer das bedeuten mag. Trotz allem hat das Stadion in jüngster Vergangenheit ein wenig von seinem Schrecken verloren.

Das liegt vor allem am heimischen FC Aberdeen, der sich wegen seiner Spielkleidung selbst als Rote Armee bezeichnet, der in der schottischen Liga aber zuletzt eher so brav aufgetreten ist wie die Heilsarmee. Wohl auch deshalb wollten gestern nur gut 10180 Zuschauer den 100. Auftritt der Schotten im Europapokal sehen. Und obwohl die schottischen Fans einen überproportional großen Lärm veranstalteten, reichte es für die roten Soldaten gegen den Berliner Fußball-Bundesligisten Hertha BSC in der ersten Runde des Uefa-Cups nur zu einem 0:0. „Wir haben die Zweikämpfe angenommen und letztendlich ein achtbares Ergebnis erzielt“, sagte Herthas Manager Dieter Hoeneß. „Als Ästhet bin ich natürlich nicht zufrieden.“

Trainer Huub Stevens musste beim Uefa-Cup-Debüt mit seinem neuen Klub gleich neun verletzte Spieler ersetzen. Am Spieltag hatte sich auch noch Marko Rehmer entschuldigen lassen, der wegen Fiebers nicht mitwirken konnte. Dafür kam der erst 20 Jahre alte Vertragsamateur Alexander Madlung zu seinem ersten Profieinsatz. Der frühere Braunschweiger spielt normalerweise für Herthas Amateure in der Oberliga. Gestern bildete er gemeinsam mit Eyjölfur Sverrisson die Innenverteidigung. Madlung machte seine Sache im Großen und Ganzen recht ordentlich – was vielleicht auch daran gelegen haben mag, dass das spielerische Niveau im Pittodrie-Stadion nicht wesentlich über dem lag, das der Verteidiger von Oberliga-Partien gegen die Reinickendorfer Füchse oder Optik Rathenow gewohnt ist.

Die vielen Umstellungen waren dem Berliner Team deutlich anzumerken. Das Spiel wirkte so flüssig wie Wackelpudding. „Wir haben fast britischer gespielt als die Schotten“, sagte Kotrainer Holger Gehrke. Angesichts der Aneinanderreihung von Fehlpässen kam diese Aussage schon fast einer Beleidigung des britischen Fußballs gleich. Herthas Spielmacher Marcelinho mühte sich zwar, war aber bei weitem nicht so auffällig wie am Wochenende, beim Sieg in Bielefeld. Und Luizao, der brasilianische Weltmeister im blauweißen Trikot der Berliner, blieb erneut weitgehend blass. „Ihm fehlt noch die Spielpraxis“, sagte Dieter Hoeneß. „Aber der kommt noch.“ Nach einer halben Stunde immerhin köpfte Luizao zum ersten Mal zaghaft auf das Tor der Schotten.

„Wir sind viel zu hektisch, verlieren die Bälle viel zu schnell“, sagte der Aushilfskapitän Sverrisson, der Herthas beste Chance in der ersten Halbzeit hatte. Bei seinem Kopfball musste Aberdeens Torhüter Kjaer zum ersten Mal ernsthaft eingreifen. Auf der anderen Seite bewahrte Gabor Kiraly seine Mannschaft kurz darauf vor einem Rückstand, als er einen Kopfball von Laurent D’Jaffo zur Ecke lenkten konnte.

Auch in der zweiten Hälfte blieben Torszenen rar. Derek Young stand zwar in der 68. Minute frei vor dem Berliner Tor, konnte Herthas Torhüter Kiraly aber mit einem Kullerball allenfalls ein müdes Lächeln entlocken. Nur eine Minute später lag der Ball ein wenig überraschend im schottischen Tor, doch der Treffer von Andreas Neuendorf zählte nicht. Bart Goor soll den schottischen Verteidiger McNaughton bei dessen Rettungsversuch auf der Linie am Standbein getroffen haben. Stevens hatte die Szene anders gesehen. „Das war ein klares Tor“, sagte Herthas Trainer, der Schotte habe in den Boden getreten. Bart Goor als direkt Beteiligter hingegen fand die Entscheidung des Schiedsrichters „völlig in Ordnung“.

Wie auch immer: „Wir haben kein Tor gemacht, deshalb bin ich ein wenig enttäuscht“, sagte Stevens. „Trotzdem muss ich meiner Mannschaft ein Kompliment machen, sie hat die richtige Einstellung gezeigt.“ Angesichts der schwierigen Personalsituation waren die Herthaner mit dem Resultat und dessen Zustandekommen durchaus zufrieden. „Bei dieser ersatzgeschwächten Mannschaft war das Zusammenstehen besonders wichtig“, sagte Manager Hoeneß. Ähnlich hatte es auch der verhinderte Torschütze Andreas Neuendorf gesehen, der spielerisch noch am ehesten hatte überzeugen können. „Es war ein großer Kampf von beiden Seiten, und man hat gesehen, was wir trotz der vielen Verletzten erreichen können. Daran müssen wir uns für die weiteren Aufgaben ein Beispiel nehmen. Das war ein Schritt nach vorn.“

Das Unentschieden lässt den Berlinern alle Chancen auf den Einzug in die zweite Runde des Uefa-Cups. Allerdings sollten sich die Herthaner vor dem Rückspiel am 1. Oktober nicht zu sicher fühlen. Im vergangenen Jahr erreichten sie bei Servette Genf ebenfalls ein 0:0, wähnten sich bereits so gut wie sicher in der nächsten Runde – und verloren das Rückspiel im Olympiastadion mit 0:3.

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