Tatjana Hüfner : Verliebt ins Rodeln

Seit zwölf Jahren haben die deutschen Rodlerinnen kein Rennen mehr verloren. Tatjana Hüfner setzt die Erfolgsserie bei Olympia fort. Schlimm für die Konkurrenz: Eine Ende der Dominanz ist nicht in Sicht.

von
Vancouver 2010 - Rodeln
Wie immer. Tatjana Hüfner hat die deutsche Erfolgsserie im Frauen-Rodeln fortgesetzt. -Foto: dpa

Am Ende fiel Tatjana Hüfner auf die Knie und küsste die Eisbahn, auf der sie soeben zu ihrer ersten olympischen Goldmedaille gerast war. Ein Journalist wollte anschließend in Erfahrung bringen, wie das geschmeckt habe. „Weiß ich nicht, ich habe das Eis ja nicht gegessen“, sagte sie. Dann aber erklärte sie diesen für ihre Verhältnisse bemerkenswerten Ausbruch der Gefühle doch noch. „Ich habe mich gleich am Anfang in die Bahn verliebt, und wenn man verliebt ist, dann küsst man auch.“  

So ist das auch mit dem Rodeln. Es ist eine deutsche Liebe, und wenn es Liebe ist, dann kann man sich aufeinander verlassen. Für das Frauenrodeln stimmt das ganz besonders. Alle hatten erwartet, dass die Goldmedaille im Whistler Sliding Centre an eine Rodlerin des Bob- und Schlittenverband Deutschland gehen würde. Und so ist es auch gekommen. Auch der dritte Platz von Natalie Geisenberger kam alles andere als überraschend. Die beiden deutschen Rodlerinnen haben sich in dieser Saison bei den Weltcupsiegen abgewechselt, und ihren Teil dazu beigetragen, dass es seit zwölf Jahren nur deutsche Siege im Weltcup gibt. Tatjana Hüfner führte auch die seit 1998 bestehende Tradition deutscher Rodel-Olympiasiegerinnen fort. „Das war mein Traum und er ist in Erfüllung gegangen“, sagte sie. Doch es gab einen Punkt, an dem dieser Traum in Gefahr zu geraten schien.  

"Ein Traum ist in Erfüllung gegangen"

Die Tieferlegung des Starts auf die Juniorenhöhe als Reaktion auf den tödlichen Unfall des georgischen Rodlers hatte die deutschen Athletinnen zwischenzeitlich aus dem Konzept gebracht. „Die Startverschiebung war ein Problem“, sagte Natalie Geisenberger, „aber es mussten ja alle  durch die schwierige Startkurve.“ Weil der Start schnell in eine Kurve mündete, konnten die deutschen Rodlerinnen ihre Vorteile am Beginn nicht wie gewohnt ausspielen. „Der Start war die Schlüsselstelle, ich habe versucht, das Problem von Anfang an in eine Lösung umzusetzen“, sagte Tatjana Hüfner, „im ersten Lauf ist mir das noch nicht so gut gelungen, dann immer besser.“ Im dritten und vierten Lauf raste sie jeweils zu Bestzeiten. Nach dem ersten Lauf aber war eine im Frauenrodeln fast sensationelle Situation aufgetreten: Es führte eine Frau, die nicht aus Deutschland stammt.  

„Ich bin ins Ziel gekommen, habe Rang zwei für mich stehen sehen und habe gewusst, dass die Deutschen noch nicht runtergekommen sind“, sagte Tatjana Hüfner, „das war schon ein bisschen seltsam.“ Die Österreicherin Nina Reithmayer durfte einen Lauf lang das seltene Vergnügen genießen, alle drei deutschen Fahrerinnen hinter sich gelassen zu haben. Am Ende gewann sie Silber. „Durch die Startverschiebung war für jeden eine Chance da“, sagte sie. Der Generalsekretär des Österreichischen Rodelverbandes freute sich ebenfalls. „Es ist eher die Ausnahme als die Regel, wenn man die deutsche Phalanx brechen kann“, sagte Christoph Schweiger, „wenn es bei Olympia passiert, ist das umso schöner.“ Insgesamt aber schade die deutsche Dominanz der Sportart, findet er. Nina Reithmayer nimmt es hingegen sportlich. „Da darf man sich nicht runterputzen lassen“, sagt sie, „das spornt mich eher an.“

Rosige Zukunftsaussichten für deutsche Rodler

Vier Rodelbahnen in Deutschland sind hauptverantwortlich dafür, dass es im internationalen Rodelsport so viele deutsche Sieger gibt. Andere Länder wie die USA und Kanada haben maximal zwei Bahnen. „Wir haben vier sehr gut arbeitende Stützpunkte“, sagte Bundestrainer Norbert Loch, „da kommt immer wieder Toppersonal nach.“ Wie Tatjana Hüfner, 26, und Natalie Geisenberger, 22. Beide sind jung genug, um bis zu den Winterspielen 2018 weiterzumachen.“ Und auch für die Zukunft muss den deutschen Rodlern nicht bange sein. „Im Juniorenweltcup sieht man wohin die Zukunft geht“, glaubt Christoph Schweiger, „dort ist Deutschland in allen Altersklassen, Männer wie Frauen, überlegen.“  

Am Abend genossen Tatjana Hüfner und Natalie Geisenberger ihren frisch errodelten Ruhm im Deutschen Haus in Whistler. Dabei führte die lebhaftere Natalie Geisenberger das Wort, während Tatjana Hüfner ihren Erfolg lieber still genoss. Ihren Stellenwert konnte die Goldmedaillengewinnerin allerdings erkennen, als sie Magdalena Neuner trafen. Plötzlich galten die meisten Fragen der Biathletin. Sogar über das  Rodeln musste Magdalena Neuner Auskunft geben. „Das ist schon Wahnsinn, mit welchem Tempo die da runterrodeln“, sagte die Biathletin, „für mich wäre das nichts.“ Für andere aber ist es Liebe.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben