Sport : Tattoos unter Herrenhemden

Bademeister aus dem ganzen Land treffen sich, um ihre Meister zu küren – Turmsitzer mit Wanst sind sie längst nicht mehr. Ein Ortstermin.

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Abschleppmeister. Bei der Meisterschaft der Bademeister in Berlin müssen Puppen durchs Wasser gezogen werden. Foto: Davids
Abschleppmeister. Bei der Meisterschaft der Bademeister in Berlin müssen Puppen durchs Wasser gezogen werden. Foto: DavidsFoto: DAVIDS

Baywatchtauglich ist hier keiner. Rote Badeanzüge und knackig braune Astralkörper sucht man vergebens. Dabei sind die Bademeister aus ganz Deutschland nach Berlin gekommen, um am Samstag die Meister unter den Bademeistern zu küren. Den typischen Turmsitzer mit Adiletten und Halbglatze findet man in der Schwimmhalle an der Landsberger Allee auch nicht. Dafür überraschend viele junge Gesichter. Gefärbte Haare und Piercings sind beim Nachwuchs beliebter als Goldkettchen. Tätowierungen blitzen unter Badeanzugträgern und weißen Herrenhemden hervor. Gerade kommen die Männer aus dem Becken, die Oberhemden kleben ihnen noch am Körper. Ein richtiger Schwimmmeister muss auch mit Bekleidung 25 Meter tauchen, 50 Meter Freistil schwimmen und eine lebensgroße orangene Puppe durchs Wasser schleppen können. Zumindest bei der Meisterschaft in Berlin.

Heinz Langer klettert bei der Siegerehrung nach dem Dreikampf alleine aufs Treppchen. Er ist Deutscher Meister in der Altersklasse 75, Haare hat er nicht mehr. Fünf Wettkämpfe hat der 78-Jährige, der in Badehose und T-Shirt am Beckenrand steht, sich an diesem Wochenende noch vorgenommen. „Sechs Mal muss man mindestens ran“, findet er.

Zu Hause in Zwickau ist er sechs Mal in der Woche im Bad. Eigentlich wollte der Rentner kürzer treten. „Jetzt hab’ ich 18 Kinder am Hals“, sagt er und strahlt. Er gehört noch zur alten Generation der Bademeister, die außer der Rettungsschwimmerausbildung nur ein paar Lehrgänge bekommen haben. „Wir haben damals noch Eimer mit Chlor ins Becken gekippt.“

Inzwischen wird man nicht mehr so einfach Bademeister. Die Aufsicht am Beckenrand ist nur ein Teil des Alltags. Drei Jahre lang gehen angehende „Fachangestellte für Bäderbetriebe“ zur Berufsschule und arbeiten an der Kasse, in der Wartung oder geben Kurse. „Man muss das Bad leiten können“, erzählt Martin Jäger. Immer wieder hält der Leiter des Schwimmbads im Europapark vorbeihastende Helfer an: „Hol’ mal die Puppen raus.“ Sein weißes Polohemd spannt über dem breiten Kreuz. Wie viele Bäder hat auch sein Bad eine Dienstsportgruppe. Schnell schwimmen muss man schon können, denn alle zwei Jahre steht ein Fitnesstest an. „Wir wollen keine Bademeister mit dickem Wanst sein“, sagt Jäger. Das Berufsbild müsse überholt werden.

Nachwuchs gibt es genug, allein die Berufsschule Hagen ist mit 28 Jungbademeistern angereist. Ihre gelben T-Shirts mit der Aufschrift „Grüße aus NRW“ leuchten durch die Halle. Zwischen Rucksäcken, Trinkflaschen und Klappstühlen haben sie ihr Lager aufgebaut. Inmitten dieser Traube von gelbbehemdeten Jugendlichen steht Sarah Panizo-Alvarez und reibt sich die Augen, die vom Chlor brennen. Sie zappelt herum, kann nicht stillstehen, zieht immer wieder ihr Handtuch um ihre Schultern. „Bin ich aufgeregt!“, sagt sie zu ihrer Klassenkameradin Jennifer Kirchhoff. Die beiden 17-Jährigen sind über völlig unterschiedliche Wege zum Beruf gekommen. Sarah präsentiert stolz den DLRG-Aufdruck auf ihrem Badeanzug, während Jennifer zugibt: „Als ich angefangen habe, konnte ich mich gerade mal über Wasser halten.“ Sie ist über ein Praktikum zur Bademeisterei gekommen und fand die Atmosphäre im Bad so locker, dass sie sich um einen Ausbildungsplatz bewarb. Nun befolgt sie einen Trainings- und Ernährungsplan, um fit zu werden für ihren Beruf.

Fragt man die Teilnehmer am Beckenrand, was ihnen am meisten Spaß macht, ist die häufigste Antwort: die Abwechslung. Und die zweithäufigste: der Umgang mit Menschen. Heinz Langer freut sich, dass ihn seine Schwimmschüler brauchen, Jennifer Kirchhoff hat Spaß daran, von Babys bis Rentnern alle Altersgruppen in ihren Schwimmkursen zu betreuen, und Martin Jäger sieht in seinem Bad die Berliner Bevölkerung vom Migranten bis zum Pensionär. Für sie ist der Wettbewerb eine Leistungsprobe und ein Klassentreffen zugleich. Heinz Langer sagt: „Wenn ich mal durch eine deutsche Stadt komme, schaue ich im Schwimmbad vorbei. Meistens kenne ich den Kollegen von der Meisterschaft.“

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